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Münster, 11.12.2017
Riga, die Sportstadt PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Ralf Hoeller   
Samstag, den 11. Februar 2017 um 00:00 Uhr

Eine (nicht nur sportliche) Reise in die Vergangenheit mit Riga erlesen, erschienen im Wieser Verlag

RigaRiga scheint, lange ist’s her, mal eine richtig angesagte Sportstadt gewesen zu sein. Heute ist die internationale Bedeutung, misst man sie am Maßstab auf höchstem internationalen Niveau ausgetragener Wettkämpfe, auf eine Sportart geschrumpft: Eishockey. Nur die Kufenflitzer von Dinamo Riga, fester Bestandteil der Kontinentalen Hockey Liga KHL - dem besten, was Eishockeyeuropa zu bieten hat - bieten ihrem Publikum regelmäßig Sport von allererster Güte. Eine Fußballmannschaft von internationalem Rang sucht man seit dem Zwangsabstieg von Skonto Riga in der lettischen Hauptstadt vergebens. Es gibt zwar drei Rigenser Teams in der Virsliga, doch belegten sie in der abgelaufenen Saison die Plätze fünf, sechs und sieben. Wer jetzt einwendet, das sei doch gar nicht so schlecht, dem sei beschieden, dass in der höchsten lettischen Klasse nur acht Mannschaften spielen.

Am Stadteingang der lettischen Hauptstadt, Foto: Kikos auf lv.wikipedia.org, Lizenz

 

Es gab bessere Zeiten. Sie in Erinnerung zu rufen bietet ein kürzlich erschienenes Buch Gelegenheit. Europa erlesen: Riga lautet sein Titel. Sport ist nur ein kleiner Teil der vom Sauerländer (eine entlegene Landschaft in Westdeutschland, im Bundesland Nordrhein-Westfalen, die der Gegend um Sigulda ähnlich sieht und ebenfalls, im von Touristen meistbesuchten Ort Winterberg, über eine erstklassige Bobbahn verfügt) Albert Caspari herausgegebenen Textsammlung. Sie vereint Beiträge von Johann Gotthelf Lindner, Heinz-Jürgen Zierke, Basilius Plinius, Edzard Schaper, Herbert Kraft, Joseph Anton Christ, Elina Garanča, Johann Georg Kohl, Werner Bergengruen, Guido Heinrich Eckardt, Alberts Bels, Sergej Eisenstein, Bernhard Lamey, Käthe Köster, Aleksandrs Čaks, Vizma Belševica, Gidon Kremer, Māra Zālīte. Und von Alexander Bahris. Respekt, dass Caspari den ausgegraben hat!

Bahris war Kellner von Beruf und als solcher auch in Riga tätig. Sein Beitrag in diesem Band ist dem Buch Meine schönsten Jahre als Hotelkellner entnommen, das 1973 in Saarbrücken im Selbstverlag erschienen ist. Lassen wir Bahris zu Wort kommen: In Riga, erinnert sich der Autor, „fehlte es nicht an Sensationen. Berühmte Fußballvereine wie Ajax [Amsterdam], Vienna, Austria, Maccabi aus Wien, [Dózsa] Ujpest, Kispest, Ferencváros [aus Budapest] und andere Mannschaften aus dem Ausland zeigten, wie man klassischen Fußball spielte.“ Erinnert sich vielleicht noch ein Leser der Presseschau, wann Spieler eines dieser Klubs letztmals lettischen Boden betraten? Zwei Torhüter, Rudi Hiden vom WAC aus Wien, und Ricardo Zamora vom FC Barcelona hatten es Bahris besonders angetan.

Janis Dalins

Denkmal für Janis Dalins, Foto: BY-SA 3.0, Saite

Doch auch Größen aus anderen Sportarten waren in Riga zu Gast, etwa „der damals schon bekannte und legendäre finnische Wunderläufer Paavo Nurmi, der schätzungsweise insgesamt 9 Goldmedaillen [richtig geschätzt!] besitzt und in seiner Glanzzeit 27 Weltrekorde [es waren 24, aber Bahris sei verziehen; damals konnte man eine solche Anzahl nicht per raschem Klick auf Nurmis Wikipediaeintrag verifizieren] aufstellte. Dieser lief gegen eine ganze Staffel einheimischer Läufer einen Simultanlauf, und ich glaube, dass er sie fast alle besiegte.“ Mit Verlaub, das hätte ein Kenenisa Bekele, aktueller Weltrekordhalter über die Fünf- und Zehntausendmetermarke, zu seiner aktiven Zeit, die ja noch nicht so lange zurückliegt, ebenfalls hingekriegt.

Es gab auch Wettbewerbe, die heute ein wenig skurril anmuten: „In Riga“, schreibt Bahris, „sagten sich die besten Wettgeher der Welt guten Tag. […] Nicht zuletzt waren diese sportlichen Zusammenkünfte auf die Erfolge des lettischen Wettgehers Janis Dalinsch zurückzuführen, der einige Male als Sieger im ‚Quer durch Berlin‘ hervorging und im Jahre 1932 in Los Angeles bei der Olympiade im 50 km Gehen zweiter wurde.“ Zum Vergleich: Bei der letzten Sommerolympiade in Rio de Janeiro sammelten lettische Athleten - null Medaillen.

Europa erlesen: Riga ist eine sehr kurzweilige Textsammlung, welche die Lektüre auf jeden Fall lohnt. Im handlichen DIN A6-Format gehalten, passt sie in jede Hosen-oder Handtasche. Weitere Informationen gibt es auf der Webseite des Verlags unter https://www.wieser-verlag.com/buch/riga/. (Europa erlesen: Riga. Herausgegeben von Albert Caspari. Wieser Verlag, Klagenfurt 2016. ISBN 978-3-99029-212-9. 284 Seiten, Preis: 14,95 Euro)

 

 

 

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