logo
Münster, 28.6.2017
Erstmals gewinnt eine lettische Sportlerin ein Grand Slam-Turnier im Tennis PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Ralf Hoeller   
Sonntag, den 11. Juni 2017 um 10:04 Uhr

Jelena Ostapenko

Wer ist Jelena Ostapenko?

Am 8. Juni ist Jelena Ostapenko zwanzig geworden. Sie bekam ein ganz besonderes Geburtstagsständchen, dargebracht von einer begeisterten Menge im ausverkauften Pariser Stadion Roland-Garros. Die so Geehrte ließ sich nicht lumpen: Im Halbfinale der Offenen Tennismeisterschaften von Frankreich besiegte die ungesetzte Lettin anschließend, in einem Duell zweier krasser Außenseiterinnen, die auf Position 30 gesetzte Schweizerin Timea Bacsinszky. Deren Name hört sich ungarisch an, aber die im Vergleich zu Ostapenko auf den Tag genau zehn Jahre ältere Eidgenossin ist in Lausanne geboren. Das Ständchen galt also beiden Akteurinnen.

Die lettische Tennisspielerin Jelena Ostapenko, Foto: Carine06 from UK - Jelena Ostapenko, CC BY-SA 2.0, Link

 

Den ersten Satz entschied Ostapenko im Tiebreak. Im zweiten Durchgang setzte sich die leicht favorisierte Schweizerin durch, Bacsinszky gewann mit 6:3. Da Ostapenko im entscheidenden dritten Satz den Spieß umdrehte, stand zum ersten Mal eine Sportlerin aus Lettland in einem Grand Slam-Finale im Tennis.

Ein ungeahnter Hype brach aus. Alle, Experten und Laien, fragten sich: Wer ist diese Jelena Ostapenko? Dazu später mehr. Zunächst aber zum großen Ereignis selber.

Am Samstag, 10. Juni, standen sich um 15 Uhr auf dem Centre-Court von Roland-Garros eine nun nicht mehr ganz unbekannte Lettin, zwanzig Jahre und zwei Tage alt, und die 25-jährige Rumänin Simona Halep, an Nummer vier der Weltrangliste stehend und im Turnier auf Position drei gesetzt, gegenüber. Zuvor hatte Halep das Turnier des Welttennisverbands (WTA) in Madrid gewonnen und war danach im traditionsreichen WTA-Meeting von Rom bis ins Endspiel vorgedrungen.

Es war ein wildes Finale in Paris, wie ein deutsches Nachrichtenmagazin schrieb. Dabei sah es anfangs gar nicht gut für die Überraschungsfinalistin aus. 6:4 gewann Halep den Auftaktsatz. Im zweiten Durchgang führte die Favoritin bereits mit 3:0, als Ostapenko endlich in ihr Spiel fand. Drei Satzbälle wehrte sie ab und verhinderte einen wohl vorentscheidenden 0:4-Rückstand. Mit 6:4 drehte Ostapenko schließlich das Resultat des ersten Durchgangs.

Alles wieder ausgeglichen! Jetzt stellte sich die Frage, wer im entscheidenden Satz über die bessere Physis verfügte oder einfach nur die stärkeren Nerven hatte. Wieder begann Halep gut und führte nach einem Break rasch mit 3:1. Plötzlich drehte Ostapenko auf. Ohnehin ständig auf Attacke eingestellt, spielte sie noch einen Tick aggressiver. Halep flogen die Returns nur noch um die Ohren. Die Rumänin bekam keine Hand mehr an den Ball, jedenfalls keine punktebringende. 6:3 ging der finale Durchgang an Ostapenko, die anschließend vor lauter Freude ihren Schläger in hohem Bogen davonwarf.

Roland Garros

Eine der Spielstätten von Roland-Garros, Foto: User:Arnaud 25 - Eigenes Werk, Gemeinfrei, Link

„Ich kann immer noch nicht glauben, dass ich Roland-Garros gewonnen habe“, sagte die Siegerin später im Interview. „Ich bin doch gerade erstmal zwanzig.“ Beim Augenaufreißen, Sichwundern und Staunen steht Ostapenko sicher nicht allein da. Mit ihr rätselt die Tennisfachwelt; und daheim freuen sie sich: Ostapenkos ungeahnter Triumph zaubert für kurze Zeit ein Lächeln in die Gesichter von anderthalb Millionen Letten, die in ihrem vom Internationalen Währungsfonds diktierten und von Austerität gebeutelten Alltag gewöhnlich wenig zu lachen haben.

Jetzt aber wird es Zeit, die Frage von weiter oben zu beantworten: Wer ist Jelena Ostapenko? Geboren ist sie in Riga. Vater Jevgenijs war Fußballprofi und spielte zuletzt in der ersten ukrainischen Liga, in Saporoschje. Jelenas Mutter, die auf denselben Vornamen hört, aber den Nachnamen Jakovleva trägt, ist, wenig überraschend, Tennislehrerin. „Als ich klein war“, erinnert sich die Tochter, „nahm mich meine Mutter immer mit aufs Klubgelände. Aber sie hat kein einziges Mal zu mir gesagt, ich müsse jetzt Tennis spielen.“

Wie das so ist mit Kindern, die schlecht stillsitzen können: Eines Tages überraschte die Mutter die Tochter, als diese einen Tennisball immer wieder gegen die Wand drosch. Im Alter von fünf stand die kleine Jelena das erste Mal in einem Match auf dem Platz. Offenbar machte sie eine gute Figur - und das nicht nur beim Tennis. Etwa zur gleichen Zeit meldete ihre Mutter das Mädchen beim Ballett an. Bald nahm Jelena sogar an den nationalen lettischen Jugendmeisterschaften in jener Sportart teil.

In dieser Zeit, bekannte Jelena, legte sie die Grundlagen für ihre ausgezeichnete Koordination und hervorragende Beinarbeit, beides unverzichtbar für eine Tennisspielerin von Weltklasse. Im Alter von zwölf entschied sich Ostapenko gegen eine Ballett- und für eine Tenniskarriere. Erfolge blieben nicht aus. 2014 gewann die 17-Jährige das Jugendturnier von Wimbledon und nahm in Taschkent erstmals an einem WTA-Meeting für Erwachsene teil. Der erste Auftritt bei einem Grand Slam Turnier erfolgte 2015. Bei den US Open schied sie in der zweiten Runde aus. Anfang dieses Jahres verbuchte Ostapenko mit dem Erreichen der dritten Runde im australischen Melbourne ihr bis dahin bestes Ergebnis bei einem der vier großen Tennisturniere. Dann folgte ihr Auftritt bei den French Open in Paris …

 

(C)2006-2011 Lettische Presseschau Impressum || Kontakt ||