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Münster, 14.8.2018
Der Rückblick auf das lettische Sportjahr 2017 PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Ralf Hoeller   
Donnerstag, den 14. Dezember 2017 um 12:06 Uhr

Verzeihliche Enttäuschungen, unerwartete Erfolge

SechspacksportlerWas ist schon ein Jahr? Eine Periode, lästerte der US-Schriftsteller Ambrose Bierce, die aus 365 Rückschlägen besteht. Ganz so schlimm ist es für Lettlands Sportler nicht gekommen, betrachtet man die Periode 2017 im Rückblick. Beginnen wir mit dem Fußball. Gäbe es tatsächlich täglich einen Rückschlag für die izlase, würde sie im Fifa-Ranking an 477. Stelle stehen. Doch weist die Liste nur 211 Positionen aus, mehr Fußballnationen gibt es nicht. Freilich ist der Abrutsch in den vergangenen Jahren beträchtlich. Beklagten wir letztes Jahr den Sturz auf Rang 112, ging es aktuell auf 133 `runter, einen Platz hinter den Komoren. (Ganz ehrlich: Der Schreiber dieser Zeilen musste erstmal die Komoren auf dem Globus suchen. Im Indischen Ozean wurde er fündig. Die Komoren gehören seit 2005 der FIFA an und nehmen an den afrikanischen Qualifikationsturnieren teil). In der WM-Qualifikation, Sektion Europa, Gruppe B, belegten die Letten den vorletzten Platz, hinter den Färöern (wieder so eine Inselgruppe, diesmal im Nordatlantik), immerhin vor Andorra, das bis zum letzten Spieltag gleichauf gelegen hatte, dank eines finalen Nullzuvier in Riga aber noch die Rote Laterne übernahm.

Die Torte zum Jahresabschluss für den lettischen Sport, Foto: Miras Dial A Cake - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, Link

Im Vereinsfußball ist die Bilanz für diese Saison nur marginal besser. Lettlands Meister Spartaks Jurmala scheiterte bereits am Auftaktgegner in der Qualifikation zur Champions League. Der Heimniederlage in Riga mit dem Minimalergebnis folgte ein vom Resultat her recht beachtliches, das Weiterkommen betreffend jedoch unzulängliches 1:1 beim kasachischen Vertreter aus der Hauptstadt Astana. In der Qualifikation zur Europa League erwies sich der isländische Verein Valur Reykjavik als zu stark für den FK Ventspils; die lettischen Hafenstädter strichen die Segel, ohne in den beiden Begegnungen auch nur ein einziges Tor zu erzielen. Die gleiche Ausbeute verzeichnete Jelgava gegen Ferencvaros Budapest, mit dem Unterschied, dass beide Spiele verloren gingen und die Differenz am Ende minus drei statt minus eins betrug. Einzig der FK Liepaja löste seine Aufgabe, egalisierte die 1:3-Niederlage bei den Crusaders aus dem nordirischen Belfast daheim und kam aufgrund der Auswärtstoreregel eine Runde weiter. Dann aber war Schluss. Gegen das litauische Suduva setze es eine 0:2-Heimpleite, da half auch das überraschende Einszunull im Rückspiel nicht mehr weiter.

Eishockey-Zeichnung

Eishockeyspieler vom Künstler gezeichnet, Foto: Pearson Scott Foresman - scans from source by Pearson Scott Foresman, donated to the Wikimedia Foundation, Gemeinfrei, Link

 

Wechseln wir zum Nationalsport Nummer eins. Lettlands Kufencracks feierten bei der Weltmeisterschaft im rheinischen Köln nicht nur eine gelungene Premiere, sondern einen perfekten Start: Alle drei Auftaktmatches wurden gewonnen. Dem glatten Dreizunull über Dänemark folgte ein nicht erwartetes 3:1 gegen die Slowakei. Als nächstes wurde Italien besiegt, wenn auch nur knapp; der entscheidende Treffer fiel in der 59. Minute. Das war’s dann aber auch mit der lettischen Herrlichkeit. Es gab Niederlagen gegen Schweden, die Vereinigten Staaten und Russland, bevor im abschließenden Duell mit den Gastgebern die Entscheidung fiel, wer im Turnier bleiben durfte und wer nach Hause fahren musste. Die izlase scheiterte, nach überlegen geführtem Spiel, im Penaltyschießen am deutschen Angstgegner. Am Ende blieb also doch nur die Frustration.

Basketballsonne

Ein heißer Ball, Foto: Nadalcuba - Eigenes Werk, Gemeinfrei, Link

Alles andere als enttäuschend schnitt Lettland bei der 40. Auflage der Basketballeuropameisterschaft statt. Wie bereits zwei Jahre zuvor erreichten die Rotweißroten das Viertelfinale. Im ersten Spiel unterlag man Serbien viel knapper als befürchtet und fuhr anschließend klare Siege gegen die Außenseiter Belgien und Großbritannien ein. Den schönsten Erfolg gab es gegen Russland, nach großer Aufholjagd ein am Ende klares 84:69 gegen den ungeliebten Nachbarn. Als die izlase auch noch über die Türkei triumphierte, winkte im Achtelfinale ein nicht ganz so schwerer Gegner. Tatsächlich wurde Montenegro mit 100:68 aus der Halle gefegt. Im Viertelfinale war dann leider Schluss. Die Aufgabe hätte härter nicht sein können: Das von Ainars Bagatskis gecoachte Team traf auf Slowenien. Gegen den späteren Europameister hielten die Letten lange mit. Zur Halbzeit führte man noch mit zwei Punkten, am Ende lagen die Slowenen mit 103:97 vorn. Vom Spielerischen her war es die beste Leistung, die je eine lettische Basketballmannschaft bei einem großen Turnier abgeliefert hat.

Tennisdamen um 1900

Einst war die Tennis-Damenbekleidung recht materialaufwendig, Foto: Internet Archive Book Images, No restrictions, Link

Großes Tennis bei einem großen Turnier spielte Jelena Ostapenko. Im Verlauf der Offenen Französischen Tennismeisterschaften war sie Zwanzig geworden und traf an ihrem Geburtstag auf Timea Bacsinszky. Beide bis dahin eher unbekannte Spielerinnen waren zu diesem Zeitpunkt bereits im Halbfinale angelangt. Die Lettin besiegte ihre Schweizer Opponentin nach anfänglichem Rückstand in drei Sätzen. Jelena Ostapenko, die Ungesetzte, stand plötzlich im Finale! Dort wartete die fünf Jahre ältere Rumänin Simona Halep, an Nummer vier der Weltrangliste stehend und im Turnier auf Position drei gesetzt. Wieder ging der Auftaktsatz an die Gegnerin, wieder kam die junge Lettin zurück. Nach 4:6, 6:4 und 6:3 reckte Jelena Ostapenko im Stade Roland-Garros zunächst beide Fäuste und schließlich die Siegestrophäe in die Höhe. Auch das folgende Grand Slam-Turnier von Wimbledon verlief erfolgreich, wenn auch nicht so sensationell wie in Paris. Die Offenen Tennismeisterschaften von England sahen Jelena Ostapenko bis ins Viertelfinale vorstürmen. In der Runde der letzten Acht unterlag die Newcomerin der späteren Finalistin Venus Williams in zwei Sätzen. Eine leichte Ernüchterung brachte die dritte Runde der US Open. Statt der nun favorisierten Lettin erreichte die unbekannte Russin Daria Kasatkina das Achtelfinale von Flushing Meadow. Doch durfte man nicht zu viel von einer aufstrebenden Tennisspielerin erwarten, die vor 2017 noch auf Weltranglistenplatz 44 gelegen hatte. Aktuell wird Jelena Ostapenko an Position sieben geführt.

Ambrose Bierce

Ambrose Bierce, Foto: John Herbert Evelyn Partington - Ambrose_Bierce.jpg, Gemeinfrei, Link

Das letzte Wort in diesem Rückblick gehört wieder Ambrose Bierce. Von ihm sind mehr Aphorismen überliefert als das Jahr Tage hat, insgesamt an die 400. Es wären wohl weitere hinzugekommen, hätte der anscheinend unterforderte Autor nicht eines schönen Tages Hals über Kopf sein Land Richtung Süden verlassen, um sich der Revolution der Nordarmee unter Francisco Villa anzuschließen. Bald darauf ist Bierce für immer in Mexiko verschwunden. Von ihm stammt ein Ausspruch, der niederlagengeplagten lettischen Fußballern gut zu Gesicht stünde: Erfolg, fand Bierce, sei die einzige unverzeihliche Sünde gegen unsere Mitmenschen.

 

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