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Sotschi 2014: Lettland verliert erhobenen Hauptes gegen Kanada PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Ralf Hoeller   
Mittwoch, den 19. Februar 2014 um 20:55 Uhr

Eishalle in Sotschi im RohbauDie kanadischen Journalisten hatten keinerlei Zweifel: Kanada würde Lettland schlagen. Haben sie nicht die besseren Einzelspieler? Spielen sie nicht die schnelleren Kombinationen? Sind sie nicht torgefährlicher? Einzig was die Physis betrifft, würden einige der lettischen Kufencracks mithalten können und mit harten Checks die eine oder andere Chance vereiteln. Selbst wenn Kanada die übrigen Möglichkeiten nicht nutzte: Irgendwann würden die Letten müde werden, da ihr letztes Spiel, gegen die Schweiz, erst vor 22 Stunden zu Ende gegangen war. Kanada dagegen hatte sich zwei Tage lang ausruhen können. Zu Beginn der Partie merkten die Zuschauer im Bolshoi Eispalast nichts von alledem. Es wurde ein Spiel, von dem alle Letten, die es gesehen haben, noch ihren Enkelkindern erzählen werden. Sie werden sogar ihre Kinder anhalten, Enkelkinder zu produzieren, nur damit sie ihnen von diesem Spiel erzählen können! Es war großartig!

Der Bolshoi Eispalast zu Sotschi während seiner Entstehung, Foto: http://visualrian.ru/ru/site/gallery/#1045712, Vladimir Pesnya / Владимир Песня, Lizenz

 

Für die erste Überraschung sorgte der Underdog: Ihr kanadischer Trainer hatte statt Edgars Masalskis dem 21-jährigen Kristers Gudļevskis den Vorzug gegeben. Gudļevskis steht in der American Hockey League zwischen den Pfosten, für das Farmteam des NHL-Klubs Tampa Bay Lightning. Nach dem Spiel wird man sich fragen: Wie lange noch? Gudļevskis führte sich gleich gut ein, als er einen Schuss von Patrice Bergeron parierte, den Sidney Crosby schön freigespielt hatte. Die nächste Chance gehörte dann schon den Letten. Patrick Sharp erhielt eine Zweiminutenstrafe für Beinstellen. Die izlase hatte bislang im Turnier immerhin drei Tore in Überzahl erzielt. Wie würde ihr Powerplay gegen Kanada aussehen? Gar nicht so schlecht! Kanadas Goalie Carey Price bekam jedenfalls auch mal die Gelegenheit, sich auszuzeichnen.

Dann aber kam, was kommen musste. In der 14. Minute kontrollierte Rick Nash die Scheibe im kanadischen Angriffsdrittel und passte genau im richtigen Moment auf Sharp. Der versenkte per Direktabnahme den Puck in Gudlevskis' kurze Ecke. Schwer zu halten aus einer solchen geringen Distanz! Wer geglaubt hatte, weitere kanadische Treffer würden zwangsläufig fallen, sah sich getäuscht. Die Letten spielten unbeeindruckt. Ruhiges, körperbetontes Eishockey mit guter Scheibenkontrolle hielt die nicht sonderlich aggressiv spielenden Kanadier von der blauen Drittellinie fern. Dann, aus dem Nichts, fiel der Ausgleich.

Das heißt: So ganz aus dem Nichts kann er nicht gefallen sein. Selbst die kanadischen Reporter zogen den Hut vor Nolans Schachzug. Die Szene spielte sich wie folgt ab: Es gab ein Bully in der neutralen Zone. Janis Sprukts stand bereit. Die Scheibe landete wie vorgesehen bei Arturs Kulda, und der passte sie zu Lauris Darzins. Der kam gerade von der Bank, keiner der Kanadier hatte ihn auf dem Schirm. Darzins lief allein auf Price zu, bewahrte die Ruhe und versenkte die Scheibe im Netz.

Noch waren etwas über vier Minuten im ersten Drittel zu spielen. Wie würden die Kanadier antworten? Zunächst gar nicht. Duncan Keith bekam zwei Minuten aufgebrummt. Doch machten die Letten nichts aus der Überzahlsituation. Andererseits gerieten sie bis zum Seitenwechsel nicht mehr in Schwierigkeiten, nachdem Kanada wieder komplett war. 16 Schüsse hatten die Kanadier auf Gudlevskis Kasten abgegeben, Price brauchte nur sechsmal einzugreifen. Aber es stand 1:1.

Das zweite Drittel begann mit stürmischen kanadischen Attacken. In den ersten vier Minuten hielt Gudlevskis zweimal großartig, gegen Jeff Carter und Jamie Benn. Dann hatte John Tavares die Chance, frei auf Gudlevskis zuzulaufen, doch Arturs Kulda checkte ihn im letzten Moment weg - sogar ohne Foul zu spielen. Fast im Gegenzug gab es eine Zweizueinssituation für die izlase. Auch die wurde nicht genutzt.

Zemgus Girgensons

Zemgus Girgensons, hier im Dress der Buffalo Sabres, Foto: Michael Miller auf Wikimedia Commons, Lizenz

 

Knapp sechs Minuten waren gespielt, als Zemgus Girgensons eine Zweiminutenstrafe wegen Stockschlagens erhielt. Erstes Überzahlspiel für Kanada! Die Ahornblattträger kombinierten gut, Carter kam mit der Rückhand zum Abschluss. Das sah elegant aus, doch Gudlevskis war rechtzeitig im bedrohten Eck. Auch diese Situation überlebten die Rotweißroten. Anschließend kamen sie minutenlang nicht mehr aus ihrem Verteidigungsdrittel heraus. Was aufs Tor kam, parierte Gudlevskis allerdings sicher. Wie lang würden die Letten dem Druck standhalten?

Erst nach zehn Minuten gab es wieder Zeit zum Luftholen. Girgensons tankte sich durch, Martin St. Louis zog ihm eins über den Schläger. Zwei Minuten Zeitstrafe für Kanada! Wieder machte die Letten nichts daraus. Sie schafften es nicht einmal, in dieser Zeit auf Prices Kasten zu schießen. Dafür gelang es ihnen jetzt besser, Kanada vom eigenen Tor fernzuhalten. Vor allem Superstar Sidney Crosby kam nicht zur Entfaltung. Bergeron versuchte es mit einem Schlagschuss, doch auch den hielt Gudlevskis. Etwas über eine Minute war noch zu spielen im Mitteldrittel, als Chris Kunitz die Chance zum Break hatte. Sprukts ging in letzter Sekunde dazwischen. 27 Sekunden vor dem Drittelende gab es dann noch eine Herausstellung für Lettlands Verteidigeroldie Sandis Ozolins. Doch es blieb beim 1:1.

Unglaublich, Lettland hält zwei Drittel lang ein Unentschieden gegen den haushohen Favoriten! Allerdings mussten sie das letzte Drittel mit einem Mann weniger beginnen. Auch diese Situation überstanden sie. Crosby mit einem Versuch knapp neben das Tor, der Rest landete bei Gudlevskis - so lautete das traurige Fazit dieses Überzahlspiels aus kanadischer Sicht.

Endlich, sieben Minuten im Schlussdrittel waren gespielt, noch einmal eine Chance für Lettland. Girgensons zog ab, Price war auf dem Posten. Auf der Gegenseite plötzlich große Aufregung. Kanadas Spieler hoben schon die Stöcke, um die erneute Führung zu feiern. Doch die Hintertorkamera belehrte alle eines Besseren: Die Scheibe hatte die Linie nicht überquert. Kurze Zeit später klärte Kristaps Sotnieks in höchster Not. Hatte er verbotenerweise die Hand dabei benutzt? Wieder wurde die Kameraaufzeichnung bemüht, wieder gab es Entwarnung für die Letten. Die Hälfte des Schlussdrittels war um. Kanada hatte elfmal auf Gudlevskis Kasten gefeuert, Lettland einmal auf das Tor von Price.

Noch neun Minuten. Nun erwischte es Georgijs Pujacs, ein Stockschlag seine Übeltat. Wieder schienen die Rotweißroten das Powerplay zu überleben. Diesmal reichte es freilich nicht ganz. Was besonders bitter war: Drei Sekunden, bevor Pujacs wieder mitmachen durfte, fiel der Treffer für Kanada. Shea Weber schloss eine Kombination über Jonathan Toews und Drew Doughty eiskalt ab. Gudlevskis hatte keine Chance.

Pujacs in einer Spielszene

Georg Pujacs, Foto: RicLaf auf Wikimedia Commons, Lizenz


War die izlase jetzt erledigt? Keineswegs! Gudlevskis hielt weiter wie ein Teufel, die Abwehrreihen standen nach wie vor gut. Endlich kamen die Letten auch mal wieder ins kanadische Verteidigungsdrittel. Und Kanada wurde nervös! Knapp zwei Minuten waren noch auf der Uhr, als sich Martins Karsums die große Chance bot; doch er bekam den Schläger nicht richtig hinter die Scheibe. Noch 90 Sekunden. Kanada mit dem Befreiungsschlag. Er gab Lettland die Chance, Gudlevskis zugunsten eines sechsten Feldspielers vom Eis zu nehmen. Powerplay der Letten. Noch vierzig Sekunden. Kanada nahm eine Auszeit, um zu beraten, wie man diese überleben sollte. Kann es eine größere Anerkennung für Lettlands Eishockey geben? Ja, durch das Ausgleichstor! Allein, es wollte nicht mehr fallen.

Lettland lieferte eine heroische Vorstellung ab, von der man noch lange sprechen wird. Auch in Kanada. Erhobenen Hauptes tritt die izlase die Heimreise an. 25 Helden und ihr Trainer Ted Nolan wird man in Riga einen begeisterten Empfang bereiten. Wer hätte gedacht, dass die Reise nach Sotschi ein so gutes Ende nehmen würde?

 

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