Eine Zwischenbilanz der Eishockey-WM 2014 Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Ralf Hoeller   
Samstag, den 17. Mai 2014 um 00:00 Uhr

Lettischer EishockeyspielerEine Eishockey-WM im Olympiajahr ist sportlich in etwa so wertvoll wie der Baltic Cup im Fußball: Wer die Trophäe gewinnt, kann damit allenfalls seinen Altmetallhändler beeindrucken. Immerhin gehören beide Wettbewerbe zu den traditionsreichsten Turnieren überhaupt: Der erste Baltic Cup wurde 1928 ausgetragen, die Premiere der Puckjäger-Weltmeisterschaft liegt gar noch weitere acht Jahre zurück. Noch mehr Tradition weist höchstens das Sandbahnrennen der Gespanne im Circus Maximus auf, doch wird dieser Wettbewerb, darf man dem Chefredakteur dieses Blattes glauben, der ein ausgewiesener Italienkenner ist und jedes Jahr Rom besucht, inzwischen nicht mehr ausgetragen.

Zemgus Girgensons, hier im Dress der Buffalo Sabres, Foto: Michael Miller auf Wikimedia Commons, Lizenz

 

Hätten die Italiener mehr Sinn fürs Geschäft, würden sie im Winter den Circus Maximus mit Eis überziehen und einen neuen Zuschauerrekord für Eishockeyspiele aufstellen. In den Vereinigten Staaten geschieht so etwas regelmäßig. Freilich ist es dort im Winter etwas kälter als am Mittelmeer.

Zirkus Maximus mit Tribünenreste

Der Zirkus Maximus in Rom, Foto: MM auf Wikimedia Commons, Lizenz

 

Noch kälter ist es in Weißrussland. Dort herrscht seit zwei Jahrzehnte der Diktator Alexander Lukaschenko, mit dem außer Wladimir Putin längst niemand mehr spielen will. Dieser Umstand rührte die IIHF, die Internationale Eishockey-Föderation, zu Tränen. Ihr Präsident, der Schweizer René Fasel, regiert seinen Verband exakt so lange wie Lukaschenko sein Land. Solche Traditionen verbinden. Als sich der böse Alexander listig erkundigte, ob nicht doch jemand käme, wenn er zum sportlichen Kräftemessen in seine Hauptstadt einladen würde, gab der gute René die Frage an seine Präsidiumskollegen weiter und faselte anschließend von einer "demokratischen Entscheidung", mittels derer die WM nach Minsk vergeben worden sei. Lukaschenko, politisch kein Freund demokratischer Entscheidungen, nahm die Steilvorlage auf und antwortete auf der Eröffnungsfeier, es gehe bei diesem Wettbewerb ja nicht um Politik; schließlich habe der Sport gesiegt. In jenem sieht Lukaschenko ein völkerverbindendes Element und in René Fasel seit der Turniervergabe einen "wahren Freund".

Zur Erinnerung: Als die Olympiade 2008 in der Volksrepublik China stattfand, erfreute sich die Regierung in Beijing der internationalen Anerkennung, öffnete als Gegenleistung die Gefängnisse für alle nicht ganz böswilligen Dissidenten und sperrte sie sofort wieder ein, als die Aufmerksamkeit nach Beendigung der Spiele wieder nachließ. So ähnlich wird es auch Lukaschenko handhaben, nur dass er es schlicht nicht nötig zu haben scheint, die Weltöffentlichkeit mit einer kurzzeitigen Wahrung der Menschenrechte vortäuschenden Geste hinters Licht zu führen.

Chizhov-Arena

Entwurf der Tschyschouka-Arena in Minsk, Foto: Wikimedia Commons, Lizenz

 

Eishockey wird in Minsk auch gespielt. Die Redaktion der Presseschau kommt ihrer Berichtspflicht nach und versucht, den Schweinwerfer aufs sportliche Geschehen zu richten - auch wenn's schwer fällt. Eins vorweg: Hätte die izlase einen lustlosen Auftritt hingelegt, wäre ihr dies aus politischen Gründen nachgesehen worden. Auch eine Leistung, der das Prädikat "bemüht, aber leider nicht erfolgreich" angehangen hätte, wäre auf Verständnis gestoßen. Dass die Rot-Weiß-Roten es besser können, haben sie bei Olympia vor einem Vierteljahr gezeigt, als sie in ihrem besten Spiel dieses zugegeben noch nicht ganz abgeschlossenen Jahrhunderts dem späteren Goldmedaillengewinner Kanada Paroli boten (siehe unseren Beitrag Lettland verliert erhobenen Hauptes gegen Kanada) - als einziges Team während des gesamten Turnierverlaufs!

Für Ted Nolan, den Coach der Letten, gab es in Minsk also von vornherein wenig zu gewinnen. Das einzige Ziel bestand darin, den Abstieg zu verhindern, um bei künftigen Weltmeisterschaften in politisch korrekteren Austragungsorten wieder fröhliches Eishockey spielen zu dürfen. Glückwunsch: Diese Vorgabe wurde bereits erreicht!

Ted Nolan

Trainer Ted Nolan, Foto: User:Buchanan-Hermit auf Wikimedia Commons, Lizenz


Es sollte und soll sogar noch besser kommen. Nach vier Spielen - drei Siegen und einer Niederlage - sind die Letten so gut wie im Viertelfinale, das kommenden Donnerstag ausgetragen wird. Die einzige Pleite wurde ihnen von Deutschland zugefügt, das im übrigen auch in Minsk gewohnt schwach auftritt. Beim 2:3 machte neben der traditionell starken Defensive leider auch Kristers Gudļevskis im Tor nicht die beste Figur. Er scheint einer der Wenigen im rot-weiß-roten Trikot zu sein, für den sich dieses Turnier nicht auszahlt. Nach dessen Ende wird er wohl weiter nur im Farmteam seines NHL-Klubs Tampa Bay Lightning spielen.

Die lettische Abwehrseuche setzte sich auch in den Begegnungen gegen Kasachstan und die USA fort. Von den Westasiaten ließ sich die Defensive der izlase vier, von den Nordamerikanern gar fünf Treffer einschenken. Wie gut, dass die Abteilung Angriff ihre chronische Abschlussschwäche überwand und jeweils ein Tor mehr als der gegnerische Sturm erzielte. Da auch im Eröffnungsspiel gegen Finnland - mit dem gleichen Ergebnis wie gegen die Deutschen, diesmal aber zugunsten der Letten - drei Punkte eingefahren wurden, steht dem weiteren Turnierverbleib von Ted Nolans Truppe kaum noch etwas im Weg.

Gleich ein Dutzend lettische Kufenflitzer konnten sich in die Torschützenliste eintragen: Kaspars Daugavins und Jekabs Redlihs trafen doppelt, Arturs Kulda sogar dreifach, und Zemgus Girgensons, Gints Meija, Aleksandrs Nizivijs, Kristaps Sotnieks, Mikelis Redlihs, Georgijs Pujacs, Juris Stals, Miks Indrasis sowie Herberts Vasiljevs waren je einmal erfolgreich.

Nach vier von sieben Spielen steht Lettland hinter den Russen, die dieses Turnier als Wiedergutmachung des ramponierten Images sowohl ihrer sbornaja (nach dem schwachen Abschneiden bei Olympia im eigenen Land) als auch Lukaschenkolands (als Folge des schwachen Abschneidens im letzten Menschenrechtsranking) ansieht, auf dem zweiten Rang der Vorrundengruppe B. Es folgen noch Aufeinandertreffen mit den Mannschaften des Gastgebers und dessen großer Brudernation sowie abschließend dem Heimatland von Fasler René.