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Münster, 18.1.2018
Heroische Momente und schmachvolle Pleiten: Der Rückblick auf das lettische Sportjahr 2014 PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Ralf Hoeller   
Donnerstag, den 18. Dezember 2014 um 00:00 Uhr

Oskars Melbardis im SportdressPositive Jahresrückblicke in der Presseschau sind ähnlich häufig wie Olympiasiege lettischer Sportler. Bei den Winterspielen 2014 gab es wieder keinen. Dennoch fällt das Resümee von Sotschi so schlecht nicht aus. Das liegt unter anderem an zwei silbernen und bronzenen Medaillen, die von Trägern des rotweißroten Banners allesamt in der Eisrinne gewonnen wurden: im Viererbobwettbewerb angeführt von Steuermann Oskars Melbardis und durch Martins Dukurs im Skeleton sowie von den Gebrüdern Sics im Rodel-Doppelsitzer und der lettischen Teamstaffel, ebenfalls im Rodeln. Unter den Medaillen ist die silberne von Melbardis am höchsten zu bewerten, wurde sie doch in einer Sportart mit neun Jahrzehnten Olympiatradition errungen. Hinzu kommt, dass Melbardis in der Zweierkonkurrenz einen beachtlichen fünften Platz erfuhr. Sportlich noch höher anzusiedeln ist die Leistung der lettischen Eishockeymannschaft im Verlauf der Spiele. Zugegeben, solch ein Vergleich mag ein wenig hinken. Doch rangiert das Eishockey in puncto Publikumszuspruch und Stellenwert in der internationalen Sportberichterstattung gleich hinter dem Fußball. Außer in Lettland: Dort rangiert Eishockey eindeutig vor Fußball. Was die rot-weiß-roten Kufencracks in Sotschi ablieferten, war einfach sensationell. Dieses Attribut lässt sich zwar auf zwei Partien reduzieren, doch hatten es diese wirklich in sich.

Oskars Melbardis, Foto: Romualds Vambuts, sportacentrs.com auf lv.wikipedia.org, Lizenz

 

Im ersten Spiel der K.o.-Runde wurde Vizeweltmeister Schweiz eliminiert. Gerade mal zwölf Minuten brauchten Oskars Bartulis und Lauris Darzins für die Vorentscheidung. Am Ende hieß es 3:1 für die izlase, nachdem Martin Plüss zwischenzeitlich verkürzt und Darzins mit einem Treffer ins leere Tor eine Minute vor dem Ende alles klar gemacht hatte. "Mit 33 zu 20 Schüssen die Schweiz klar mit mehr Schüssen aufs Tor", stellte die Solothurner Zeitung in ihrem Olympia-Liveticker entsetzt fest (und vergaß sogar, das notwendige Verb einzufügen), um anschließend nicht weniger verzweifelt zu fragen: "Wann geht mal einer rein?"

Ihr Glanzstück zeigten die Letten dann im Viertelfinale, das sie erstmals in der Geschichte der Olympischen Spiele erreichten. Gegner waren nur einen Tag nach dem Triumph über die Eidgenossen ausgeruhte und hoch favorisierte Kanadier. Die izlase lieferte ihre vielleicht beste Leistung aller Zeiten ab, obwohl es am Ende 2:1 für Kanada hieß. Mike Halford vom US-Sender NBC ließ alle Eishockey-Fans in seinem Kommentar wissen: "Es war eines der einseitigsten Spiele, das Sie je gesehen haben und auch jemals sehen werden. Und es war eines der engsten."

55 Mal hatten die Kanadier auf das von Kristers Gudlevskis bestens gehütete Lettentor geschossen, so häufig wie in keinem anderen Spiel während des gesamten Turniers! 53 Mal behielt der, so Halford, "Farmangestellte der Tampa Bay Lightnings" (Gudlevskis spielt in der Reservemannschaft, farm team genannt, des NHL-Klubs) die Oberhand. Nur Patrick Sharp und Shea Weber gelang es, Gudlevskis zu überwinden. Den zwischenzeitlichen Ausgleich hatte der vorzügliche Lauris Darzins mit einem perfekten Break von der Strafbank(!) kommend markiert.

Oskars Bartulis kontrolliert Eishockeyschläger

Oskars Bartulis, Foto: Romualds Vambuts, sportacentrs.com auf lv.wikipedia.org, Lizenz

 

Gudlevskis wurde in den 60 reinen Spielminuten ein Höchstmaß an Konzentration abverlangt. Zwischendurch war er so fertig, dass ein besorgter Referee den kanadischen Trainer der izlase bat, einmal nach dem Rechten zu sehen. Tatsächlich stieg Ted Nolan hinab aufs Eis und wechselte ein paar Worte mit seinem Goalie. Vermutlich sagte er ihm, er solle mal einen reinlassen. Gleich der nächste Angriff der Kanadier hatte Erfolg.. Es war die Entscheidung sieben Minuten vor Schluss.

Doch soll dem guten Ted an dieser Stelle nichts Böses unterstellt werden. Er war der beste Trainer, den Lettland je hatte, und der Schreiber dieser Zeilen verspricht hoch und heilig, Abbitte zu leisten für die schnöde Blasphemie. Warum nicht per Wallfahrt in Nolans Geburtsort Sault Ste. Marie im Norden Ontarios (und ihm bei dieser Gelegenheit persönlich eins mit dem Hockeyschläger über den sorgsam gepflegten Scheitel zu ziehen)?

Ernst beiseite: Wenden wir uns lieber dem Spaß zu, den die Gegner der lettischen Fußballauswahl dieses Jahr hatten. Namentlich die Is- und die Niederländer. Dreizunull gewannen die Gäste aus dem hohen Norden in Riga, gleich doppelt so viele wurden der izlase einen Monat später bei ihrem Gastspiel in der AmsterdamArena eingeschenkt. Die Qualifikation zur Europameisterschaft 2016 in Frankreich kann bereits jetzt abgehakt werden. Trainer Marians Pahars sollte das kommende Jahr nutzen, um ein wenig zu experimentieren und jüngere Spieler in die Nationalelf zu integrieren. Das mag ihm ob der zu erwartenden Resultate einen schlechten Jahresrückblick 2015 einbringen, doch wird er sich an Kritik gewöhnen müssen. Auch ihn betreffend folgt jetzt ein Versprechen: Gelingt es Pahars, das derzeit mehr als dürftige spielerische Niveau nur ein wenig zu heben, wird der nächste Verriss gnädig ausfallen.

Marians Pahars im Anzug

Marians Pahars, Foto: Mārtiņš Bruņenieks auf Wikimedia Commons, Lizenz

 

Wie auch der des Vereinsfußballs: Der Glückwunsch der Presseschau geht an den FK Ventspils für die sechste lettische Meisterschaft in der virsliga. Vor allem aber überzeugten die Hafenstädter mit ihrem Auftritt in der zweiten Qualifikationsrunde zur Champions League, als beim schwedischen Meister und späteren Hauptrundenteilnehmer Malmö FF ein torloses Remis gelang. Leider folgte dann im Rückspiel daheim eine 0:1-Niederlage.

Über die Leistungen der lettischen Teilnehmer in den Qualifikationswettbewerben zur Europa League wird an dieser Stelle in so ungewohnter wie unangemessener Höflichkeit der Mantel des Schweigens gebreitet. Selbst eine solche geringe Respektbezeigung haben der FK Jelgava (torloses Erstrundenaus gegen Rosenborg Trondheim), Daugava 90 Riga (ebenfalls tor- und trostloses Erstrundenaus gegen den FC Aberdeen) und Daugava Daugavpils (gibt es noch eine Steigerung? Leider ja: Erstrundenpleite gegen den färöischen Pokalsieger Vikingur Göta) nicht verdient.

Schließen wir mit einem positiven Bild! Es zeigt kanadische Eishockeyfans, die während der Viertelfinalbegegnung gegen Lettland angstvoll auf die Uhr starren und den Schlusspfiff herbeisehnen. Es sind die letzten Augenblicke einer auch für den späteren Olympiasieger denkwürdigen Begegnung, in denen von der Dominanz der Ahornblattträger nichts mehr zu spüren ist. 80 lange Sekunden spielen die Letten mit sechs Feldspielern, nachdem Nolan seinen Goalie vom Eis genommen hat. Kanadas Coach Mike Babcock nimmt sogar eine Auszeit, um die letzten kritischen Situationen zu überstehen. Doch weder fällt der Ausgleich noch geht die Scheibe auf der anderen Seite ins leere Tor.

Der Schlusspfiff erlöst Kanada - und adelt die Leistung der Letten. Nicht nur Gudlevskis Performance im Tor war sehenswert. Auch der brillante Pass von Arturs Kulda auf Darzins und dessen überragendes Finish bleiben in Erinnerung - von Olympia in Sotschi, in der Geschichte des Eishockey und auch in diesem Rückblick auf ein insgesamt doch erfreuliches lettisches Sportjahr 2014.

 

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