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Münster, 14.11.2018
Remis in Reykjavik, Klatsche gegen Kasachstan PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Ralf Hoeller   
Mittwoch, den 14. Oktober 2015 um 05:30 Uhr

Gegen Ende der EM-Qualifikation zeigt die izlase ihre beiden Gesichter

Marians PaharsLettland kann man schlecht mit Island vergleichen. Im Ostseestaat leben sechsmal so viele Einwohner wie auf der Atlantikinsel. Gemeinsam ist beiden Staaten nur, dass sie ungewöhnlich hart von derselben wirtschaftlichen Katastrophe getroffen wurden. Doch anders als die Letten haben sich die Isländer der Finanzkrise nicht mit einem Austeritätsprogramm ergeben und mit Arbeitslosigkeit bezahlt. Sie haben der Krise getrotzt, ihre Banken nicht gerettet, sondern verstaatlicht oder in die Pleite gehen lassen, deren Manager nicht fürstlich entlohnt, sondern ihnen Haftbefehle zugestellt, neue Kredite sich nicht von der EU oder dem IWF aufzwingen lassen, sondern in Eigenregie auf dem Kapitalmarkt besorgt und dabei in Russland und Polen unerwartet Freunde gefunden.

Marians Pahars, Trainer der lettischen Nationalelf, ob es ihm gelingen wird, dass Lettland zukünftig an internationalen Turnieren teilnimmt? Foto: "Marians Pahars as Skonto coach" by Mārtiņš Bruņenieks - Paša darbs. Licensed under CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons

 

Bei ihrem vorletzten EM-Qualifikationsspiel waren Lettlands Fußballer in Reykjavik zu Gast. Auch vor diesem Treffen konnten die Unterschiede zwischen beiden Nationen größer kaum sein. Island hatte sich längst schon die Fahrkarte zum Turnier in Frankreich gesichert, unter anderem mit zwei Siegen über den WM-Dritten Niederlande. Zum Vergleich: Die izlase hatte in den beiden Duellen gegen denselben Gegner keinmal getroffen und acht Tore kassiert. Entsprechend früh waren alle Chancen dahin, doch noch auf den Frankreichzug aufzuspringen.

Da es für sie nichts mehr groß zu gewinnen gab, konnten die Isländer recht locker aufspielen. Lettlands Keeper Andris Vanins entspannte die Situation für die Gastgeber zusätzlich, als er in der fünften Minute einen Freistoß von Gylfi Sigurdsson (er spielt in der englischen Premier League beim einzigen dort verbliebenen walisischen Klub Swansea City) nur abklatschen konnte; Kolbeinn Sigthorsson staubte ab. Derselbe Kolbeinn Sigthorsson (im Ligaalltag beim französischen Traditionsverein FC Nantes tätig) legte nach einer halben Stunde auf spektakuläre Weise nach: Kurz hinterm Mittelkreis schnappte er sich die Kugel und marschierte los. Kein lettischer Verteidiger vermochte ihn zu stoppen, und Vanins im Tor konnte diesmal wirklich nichts ausrichten.

Dass es für Vanins (FC Sion) doch noch ein schöner Abend wurde, dafür sorgte der in der Schweiz unter Vertrag stehende Profi mit einer vom Anfangsschnitzer abgesehenen souveränen Leistung selbst. Doch auch die Kollegen standen ihm nicht nach. Aleksandrs Cauna (ZSKA Moskau) markierte drei Minuten nach der Halbzeit den Anschlusstreffer für die Gäste. Anschließend beruhigte sich die Begegnung. Die Isländer wollten den knappen Sieg offenbar nach Hause schaukeln, die Letten hatten etwas dagegen. In der 68. Minute erfolgte dann der schönste Angriff des gesamten Spiels. Deniss Rakels (Cracovia Krakau) setzte sich auf der rechten Seite durch und flankte nach innen. Dort fackelte Valerijs Sabala (Legionär beim polnischen Erstligisten Miedzi Liegnica) nicht lange und hämmerte, obwohl hart bedrängt, das Leder volley in die Maschen.

Fast hätte Sabala ein weiteres Mal getroffen, scheiterte jedoch in der Nachspielzeit aus spitzem Winkel ebenso an Islands Keeper Hannes Halldorsson wie zuvor der Kollege Olegs Laizans (wie Sabala in Polen aktiv, bei Lechia Gdansk). Nicht verschwiegen werden sollte noch, dass ein zweiter Freistoß Sigurdssons Vanins' Gehäuse nur um Zentimeter verfehlte.

Ein guter Auftritt der izlase also! Er sollte den Letten genug Auftrieb geben, um im letzten Qualifikationsduell daheim gegen Kasachstan endlich den ersten Sieg einzufahren. Doch diese Hoffnung wurde in Riga bitter enttäuscht.

Nichts brachten die Letten zustande: keinen schönen Angriff, nicht einmal einen gefährlichen Standard geschweige denn ein Tor. Davon gab es an diesem finstren Abend im Skonto-Stadion nur eins. Islambek Kuat, Mittelfeldspieler beim kasachischen Klub Kairat Almaty, erzielte es. Der Begleitservice durch drei lettische Abwehrspieler, die ihn weder vom Eindringen in den Sechzehner noch vom Torschuss abhielten, war noch zuvorkommender als in Reykjavik bei Sigthorsson Solo. Kuat brauchte erst niemanden zu umkurven. Irgendwann stand er frei vor Vanins und musste nur noch das Leder am machtlosen Lettenkeeper vorbeischieben. Der Treffer fiel in der 66 Minute. Eigentlich genügend Zeit zu antworten, doch den Rot-Weiß-Roten fiel nichts mehr ein. Es blieb beim enttäuschenden 0:1. Lettland rutschte sogar hinter den Kasachen auf den letzten Tabellenplatz der Qualifikationsgruppe A ab.

Unterm Strich stehen in der EM-Ausscheidung fünf Unentschieden und fünf Niederlagen. Vorausgesetzt, die Pleite in der abschließenden Begegnung darf als Ausrutscher betrachtet und das Positive in den Vordergrund gerückt werden, so sind die Remis in Prag und in Reykjavik am höchsten zu bewerten. Sie wurden Opponenten abgerungen, die sich ebenso souverän wie unerwartet für die Endrunde in Frankreich qualifiziert haben. Freilich setzte es schon vor dem Kasachstandesaster sowohl gegen Tschechien als auch gegen Island mit jeweils einem 0:3 ernüchternde Heimpleiten.

Gelingt es izlase-Trainer Marians Pahars, die Auswärtsform von Prag und Reykjavik über einen längeren Zeitraum zu stabilisieren und Aussetzer wie gegen die Kasachen künftig zu vermeiden, könnte Lettland in einer Qualifikationsgruppe zu einem größeren Turnier vielleicht einmal ein Wörtchen mitreden. Bei der nächsten WM-Ausscheidung aber wohl noch nicht: statt 23 plus Gastgeber Frankreich werden sich für die Endrunde in Russland nur 13 europäische Teams qualifizieren. Außerdem warten mit Portugal und der Schweiz erstklassige Gegner, und auch die aufstrebenden Ungarn sind stärker einzuschätzen als die Letten.

 

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