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Münster, 24.11.2017
Der Rückblick auf das Sportjahr 2015 PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Ralf Hoeller   
Freitag, den 11. Dezember 2015 um 00:00 Uhr

Holprig auf Eis und Rasen, durchaus elegant auf dem Parkett

Fänger der Sonne. KunstwerkFreitag, 13. November, 21 Uhr 55 im Windsor Park zu Belfast: 55 Minuten der Begegnung Nordirland gegen Lettland sind absolviert, als in typisch britischer Manier ein langer Ball von der Mittellinie aus nach vorn geschlagen wird. Steven Davis, der im Ligaalltag als Stammspieler des englischen Erstligisten FC Southampton im defensiven Mittelfeld abräumt, sprintet hinterher. Er erwischt das Leder mit dem Kopf, Andris Vanins im Gästetor kann noch reagieren, doch gegen Davis' Nachschuss hat er keine Chance. Es ist das einzig Zählbare in diesem Freundschaftsspiel, das mit der Minimaldifferenz zugunsten der Gastgeber endet. Es ist auch das letzte Länderspiel der izlase im Jahr 2015. Keine Überraschung, dass es mit einer Niederlage zu Ende geht. Immerhin hat sich Nordirland ohne Probleme für die EM-Endrunde in Frankreich qualifiziert. Für Lettland stehen in der abgelaufenen EM-Ausscheidung unterm Strich fünf Unentschieden und fünf Niederlagen. Die schlimmste erfolgte im letzten Qualifikationsspiel daheim gegen Kasachstan!

Foto: „Fänger der Sonne (J. Fell)“ von Jimmy Fell - Archiv Jimmy Fell. Lizenziert unter Copyrighted free use über Wikimedia Commons.

 

Licht und Schatten also bei der izlase! Im Vereinsfußball sah es auf europäischer Ebene durchweg düster aus. Alle vier Vereine der Virsliga scheiterten gleich in der ersten Runde ihrer jeweiligen Qualifikation. Den besten Eindruck hinterließ noch der FK Ventspils in der Champions League-Vorrunde. Die Hafenstädter mussten nach zwei relativ knappen Niederlagen gegen den finnischen Vertreter HJK Helsinki die Segel streichen. In der Gesamtabrechnung stand immer noch ein 1:4 zu Buche.

Ebenfalls wenig Fortüne hatten in der Europa League Spartaks Jurmala gegen den serbischen Vertreter Vojvodina Novi Sad und der FK Jelgava gegen Rabotnicki Skopje aus Mazedonien. Der dritte lettische Teilnehmer in diesem Wettbewerb, Skonto Riga, hatte sich vom Gast aus Debrecen im Hinspiel 2:2 getrennt. Im Rückspiel in Ostungarn brach dann die Katastrophe über Lettlands international renommiertesten Klub herein. 9:2 hieß es am Ende für Debrecen; eine Demütigung, die noch entwürdigender ausgefallen wäre, hätten die Magyaren nach der 70. Minute nicht alle Bemühungen eingestellt, das Ergebnis zweistellig zu gestalten.

Der einheimische Ligafußball war dieses Jahr die fast schon gewohnt traurige Veranstaltung, die auch nicht dadurch aufgehellt wurde, dass der FK Liepaja nur anderthalb Jahre nach der Insolvenz des Vorgängerklubs lettischer Meister wurde. Zu armselig präsentierte sich die Virsliga, die nach dem Ausschluss des FK Gulbene wegen Manipulationsverdachts aus nur noch sieben Vereinen bestand. Pro Spieltag gab es nur drei Begegnungen; eine Mannschaft durfte sich ausruhen, von welchen Strapazen auch immer. Liepaja vertritt Lettland nächstes Jahr in der Champions League, Skonto Riga und der FK Ventspils treten in der Europa League an.

The Ball game von Meunier

Bild: „The Ball Game, Pâturages“ von Constantin Meunier - Photo by Szilas in the Meunier Museum. Lizenziert unter Gemeinfrei über Wikimedia Commons.

Vom runden Leder zur schwarzen Hartgummischeibe … Bei der diesjährigen Eishockeyweltmeisterschaft in Prag erwischte Lettland einen miserablen Start. Dem 1:6 gegen Kanada folgte ein achtbares 2:4 gegen Gastgeber Tschechien, anschließend setzte es ein 1:8 gegen Schweden. Da kamen die Schweizer im Duell Nummer vier gerade recht. Seit Olympia in Sotschi ist die izlase so etwas wie der Angstgegner der Eidgenossen. Auch diesmal ließ sich das Team von Aleksandrs Belavskis nicht lumpen und gewann 2:1, wenn auch erst in der Overtime. Es folgte eine Niederlage gegen Deutschland und ein Overtime-Sieg gegen Österreich, bevor es im letzten Spiel gegen Frankreich um den Abstieg aus der A-Gruppe ging. Hier ergab sich eine bizarre Konstellation: Der izlase reichte ein Punkt, Frankreich zwei. Als es nach sechzig Minuten 2:2 unentschieden stand und Frankreich nach torloser Overtime das Penaltyschießen gewann, hatten beide ihr Ziel erreicht - und Österreich eine Klasse tiefer geschickt.

Lettlands Bilanz der Prager Weltmeisterschaft fällt trotz des Klassenerhalts ernüchternd aus. Das anvisierte Ziel, der zehnte Platz, wurde klar verfehlt. Von einer Teilnahme am Viertelfinale, insgeheim ersehnt, war bereits nach der Schweden-Pleite keine Rede mehr. Die nächste WM findet in Russland statt. Nach Sankt Petersburg, wo die Rot-Weiß-Roten vermutlich ihre Vorrunde bestreiten, ist es von Lettland aus nicht weit. Vielleicht wird sich die izlase dort ja besser präsentieren als in Tschechien.

Das Erfreulichste zum Schluss: Kommen wir zum Basketball. Hier gab es im zu Ende gehenden Jahr eine Europameisterschaft. Die Vorrundenbegegnungen der Gruppe D fanden in der Arena Riga statt. Gegner der Rot-Weiß-Roten waren die favorisierten Litauer, die überraschend starken Tschechen sowie die Teams aus der Ukraine, aus Estland und Belgien. Der Heimvorteil wurde durch den Umstand aufgehoben, dass Lettlands größtes Basketballtalent nicht mittun durfte oder wollte. Kristaps Porzingis, von den New York Knicks als Vierter des draft picks optiert, zog es jedenfalls vor, sich akribisch auf die NBA-Saison vorzubereiten. Er tat gut daran. Zum einen legt er bislang eine prima Spielzeit hin und wird als ein zweiter Dirk Nowitzki gehandelt. Zum anderen kam die izlase auch ohne ihn klar.

Basketball aus Kürbissen

Foto: „Jucker Farmart - Kürbisausstellung 2012-10-13 16-08-38“ von © Roland Fischer, Zürich (Switzerland) / Wikimedia Commons. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons.

 

Nach Siegen über Belgien, Estland und Tschechien sowie Niederlagen gegen Litauen und, etwas peinlich, gegen die Ukraine belegten die Letten den erhofften zweiten Platz in ihrer Vorrunde. Im Achtelfinale im nordfranzösischen Lille wartete mit Slowenien ein ganz dicker Brocken. Lettland hatte zuletzt 2001 das Viertelfinale einer Basketball-EM erreicht. Jetzt gelang ihnen dieses Kunststück erneut. Am Ende hieß es 73:66 für den Außenseiter.

Gegner im Viertelfinale und haushoher Favorit war Gastgeber und Titelverteidiger Frankreich. Vom Starterquintett der équipe tricolore spielen alle Fünf in der NBA, von den ersten Fünf der Rot-Weiß-Roten niemand. Doch die Letten hielten lange mit. Mit 40:38 für die Franzosen ging es in die Halbzeitpause. Danach nahm die Begegnung den erwarteten Verlauf. 84:70 hieß es am Ende für die Gastgeber. Doch Lettland hatte sich mehr als achtbar geschlagen. Der anerkennende Applaus des fachkundigen Publikums in Lille sollte Ansporn genug sein, den eingeschlagenen Weg fortzusetzen und sich Jahr für Jahr weiterzuentwickeln. Vielleicht ist dann ja auch mal Kristaps Porzingis mit von der Partie.

Disziplinenübergreifend fällt der Jahresrückblick 2015 für Lettlands Mannschaftssportler so schlecht also nicht aus. Kein Vergleich zu dem, was uns die Wirklichkeit früherer Jahre zu schreiben aufzwang.

 

 

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