Spektakulärer Spielertausch in der NBA Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Ralf Hoeller   
Freitag, den 01. April 2016 um 00:00 Uhr

Porzingis nach Dallas, Nowitzki nach New York

PorzingisEr ist 2 Meter 21 lang und wird als Lettlands Antwort auf Dirk Nowitzki gehandelt. Das mag bislang etwas übertrieben gewesen sein, denn die Karrieren von Kristaps Porzingis und dem acht Zentimeter kleineren besten ausländischen Korbjäger der NBA lassen sich schlecht vergleichen. Oder besser gesagt: ließen. Bis sie sich gestern Abend auf spektakuläre Weise kreuzten. In der nordamerikanischen Basketballliga ist ein Spielertausch geplant, mit dem selbst Experten nicht gerechnet hatten. Die New York Knicks, drittschlechtestes Team der Osthälfte, geben ihr hoffnungsvollstes Talent ab. Im Gegenzug erhalten sie einen Spieler, der mit über 29 000 Karrierepunkten auf Rang sechs der ewigen Schützenliste der gesamten Liga. Was auf den ersten Blick verblüffen mag, könnte bei näherem Hinsehen für eine Win-Win-Situation sprechen.

Kristaps Porzingis, Foto: Ed - AIMG_1464, CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=42106367

 

Nowitzki, im unterfränkischen Würzburg geboren, spielt seit 1998 in der NBA. Bislang trug er, ungewöhnlich im Profisport, das Trikot eines einzigen Vereins, der Dallas Mavericks. Einmal wurde Nowitzki mit den Texanern Meister, einmal Zweiter. Den Einzug in die Playoffs hat er bislang 14-mal geschafft, 13 Nominierungen fürs Allstarteam komplettieren seine imposante persönliche Statistik. Da kann Porzingis natürlich nicht mithalten. Der am 2. August 1995 in Liepaja geborene Power Forward spielt seine erste Saison in Nordamerika. Immerhin wurde er dreimal hintereinander, im November, Dezember und Januar, unter den 15 Vereinen im Osten zum wertvollsten Rookie, also zum besten Neuling gewählt.

Eigentlich kein Grund für einen Wechsel, könnte man meinen. Doch in New York sind längst nicht alle zufrieden mit dem Neuzugang. Bei seiner Vorstellung zu Saisonbeginn gab es sogar Pfiffe im Madison Square Garden. New York, das sich als viertschlechtestes Team der gesamten Liga beim so genannten Draft Pick an vierter Stelle aus dem Topf der Talente bedienen durfte, hätte eine bessere Wahl treffen können, sagen die Kritiker. Zu ihnen zählt Carmelo Anthony, der Punktegarant der Knicks und seit Jahren Stammgast im Allstarteam. Die Statistik scheint den Zweiflern Recht zu geben. Porzingis kommt auf 14 Punkte im Schnitt. Da ist noch Luft nach oben. Zum Vergleich: Anthony hat einen Karrierewert von 25 Punkten pro Spiel, 22 sind es in dieser Saison. Nowitzki trifft im Schnitt 18-mal, sein Karrierewert liegt bei 22. Doch auch in Dallas waren sie unzufrieden.

Nowitzki

Dirk Nowitzki, Foto: Keith Allison - http://www.flickr.com/photos/keithallison/3996815319/, CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=8040336

Erstmals seit langem haben die Mavericks Schwierigkeiten, sich für die Playoffs zu qualifizieren. Nowitzki ist zwar mit Abstand erfolgreichster Werfer seines Teams. Doch er müsste noch besser treffen. Das Problem liegt, meint NBA-Legende Kareem Abdul-Jabbar, in Nowitzkis Monobegabung. „Er kann nur Punkte machen“, mosert der allzeitbeste Korbjäger der Ligageschichte. „Assists? Rebounds? Defensiverhalten? Alles Fehlanzeige!“ Schlimmer noch, echauffiert sich Abdul-Jabbar, „Nowitzki nimmt den anderen Spielern die Würfe. Dadurch sind die Mavericks für ihre Gegner extrem leicht auszurechnen.“ Porzingis, 17 Jahre jünger und entsprechend beweglicher als Nowitzki, wird künftig in Dallas viel mehr Laufarbeit verrichten und dürfte, davon ist nicht nur Abdul-Jabbar überzeugt, vor allem unter dem eigenen Korb für mehr Defensiv-Rebounds sorgen.

Hinzu kommt, dass Mavericks-Eigner Mark Cuban, ein Selfmade-Milliardär, vom Neuzugang aus New York geradezu begeistert ist. „Dallas hatte schon vor Nowitzki hervorragende Schützen“, weiß Cuban zu berichten, „Clyde Barrow etwa oder Lee Harvey Oswald. Die kennt in Amerika jedes Kind.“ Sein Herkunftsland prädestiniere Porzingis, die illustre Reihe fortzusetzen: „Lettische Schützen“, betont der historisch bewanderte Cuban, „haben Lenin wertvolle Hilfe bei seiner Revolution geleistet, oder etwa nicht?“ Auch Mavericks-Coach Rick Carlisle ist froh, dass Porzingis bald für Dallas aufläuft. „Nowitzki ist mit seinen bald 38 Jahren doch ein wenig zu alt für unser junges, aufstrebendes Team“, gibt er zu bedenken. Und führt ein weiteres unschlagbares Argument für Porzingis‘ Verpflichtung an: „Das Wichtigste ist, dass Mark Cuban den Namen bereits ganz gut aussprechen kann. Bei ‚Nowitzki‘ hatte er in den ersten Jahren so seine Probleme. Por-zin-gis und No-witz-ki, das macht vom Wortlaut her keinen großen Unterschied. Wenn Ende November die neue Saison beginnt, dürften zwei Drittel der komplizierten Silben flüssig über Marks Lippen kommen. Na ja, ein Drittel wäre auch schon nicht schlecht …“

Alba Berlin gegen Dallas Mavericks

Spiel der Dallas Mavericks gegen ALBA Berlin während der NBA Europe Live Tour 2012. Foto: Mathewbling - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=25027759

Umgekehrt wird New York von Nowitzki profitieren. Das Team muss sich nicht länger auf Anthony als einzigem Korbschützen von Format verlassen. Mit ihm und dem Deutschen zusammen wird die Offensive der Knicks erheblich mehr Wurfkraft und Wirkung entfalten. Hinzu kommt, dass sich die beiden Stars auch persönlich mögen. Mehrfach bereits haben die Familien den Sommerurlaub gemeinsam in Kanadas Yukon Territory verbracht, auf Bären- oder Elchjagd. Einmal durfte Anthony, Sohn eines lange Jahre in Unterfranken stationierten G.I., Nowitzki sogar bei dessen Heimaturlaub begleiten. Gemeinsam besuchten sie ein Fußballbundesligaspiel der damals noch erstklassigen Spielvereinigung Fürth, wo beide – wie übrigens auch der ehemalige US-Außenminister Henry Kissinger – Ehrenmitglieder sind.

Nicht ganz so glücklich mit dem Spielertausch zwischen Dallas und New York ist Ingrida Porzingis. „Bis jetzt haben wir von Liepaja bis New York nur neun Tage gebraucht, um Kristaps zu besuchen“, sagt seine Mutter. „Bis Galveston, Texas, dauert es mit dem Schiff zwei Tage länger, dann kommen noch die 500 Kilometer Zugfahrt bis Dallas hinzu.“ Es gibt aber auch eine gute Nachricht: Bei seinem neuen Verein wird Kristaps Porzingis ungefähr ein Drittel mehr verdienen als bei den Knicks. Vielleicht ist er dann in der Lage, auch mal ein Flugticket zu spendieren.

Dieser Artikel wurde am 1.4.2016 veröffentlicht.