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Münster, 20.10.2017
Deutsch-Baltische Auslandshandelskammer engagiert sich für die berufliche Bildung PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Samstag, den 04. Februar 2017 um 00:00 Uhr

Erfahrungsaustausch zwischen deutschen und lettischen Ausbildern

AHK-SeminarDie Deutsch-Baltische Auslands-handelskammer (AHK) mit Sitz in Riga kümmert sich unter anderem um die berufliche Ausbildung. So organisierte sie mit Unterstützung des Auswärtigen Amtes Ende des vergangenen Jahres zwei Workshops, am 6.12.2016 in Riga und zwei Tage später in der nordlettischen Stadt Valmiera. Die AHK lud Ausbilder, Auszubildende und Praktikumsleiter von Firmen und Berufsschulen ein, sich über ihre Erfahrungen mit der praxisorientierten Ausbildung auszutauschen. Auf dem Programm standen unter anderem Besuche von Betrieben und Berufsschulen. Ziel der Veranstaltung war es, die Kooperation untereinander zu fördern, wie auch die Ausbilderkompetenzen zu vertiefen. Eine enge Zusammenarbeit im Rahmen der praxisorientierten Ausbildung wird in Valmiera bereits von einer Molkerei, einem Metallverarbeiter und einem Glasfaserproduzenten praktiziert. Die drei Unternehmen bilden gemeinsam Maschinen- und Anlageführer aus. Die Seminarteilnehmer informierten sich über diese und ähnliche Kooperationen. Die LP befragte die AHK-Projektleiterin Diāna Krastiņa über den Diskussionsstand unter lettischen Ausbildern.

AHK-Seminar zur beruflichen Ausbildung in Valmiera, Foto: AHK Baltische Staaten

 

LP: Frau Diāna Krastiņa, die AHK vertritt die deutsche Wirtschaft in Lettland. Weshalb kümmert sich Ihre Organisation um die berufliche Qualifikation in Lettland?

Zum Thema „Duale Ausbildung“ betreut die AHK unter anderem seit Februar 2014 das internationale Projekt VETnet in Lettland. Das "German Chambers worldwide network (AHK) for cooperative, work-based Vocational Education & Training", kurz "VETnet", ist ein Projekt des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF), mit dem in derzeit elf ausgewählten Partnerländern Strukturen (weiter-)entwickelt werden. Diese sollen die Funktionsweise der in Deutschland bekannten dualen Ausbildung und damit der Ausbildung in einem Betrieb und einer Berufsschule vor Ort sichtbar machen. Die AHK leistet als Aktionsplattform für Berufsbildungsdienstleistungen in Lettland einen Beitrag zur Einführung von Elementen der dualen Berufsbildung nach deutschem Vorbild. Dieses Projekt war der Beginn unserer Aktivitäten im Bereich der dualen beruflichen Bildung in Lettland. Insbesondere deshalb, weil uns viel daran liegt, unseren Mitgliedsunternehmen Fachkräfte zu sichern. Da das Thema duale berufliche Bildung aktuell relevant und gleichzeitig so facettenreich ist, begleitet unser Berufsbildungsteam einerseits Pilotprojekte für Speditionsmitarbeiter in Riga und in Liepaja und im Norden Lettlands, in Valmiera, eine Verbundausbildung für Maschinen- und Anlagenführer. Andereseits gehören zu unseren Aktivitäten Marketingmaßnahmen, Beratung, Organisation von Erfahrungsaustausch und Study visits nach Deutschland, sowie auch Ausbilderschulungen.

LP: Ausbilder und Auszubildende des Milchverarbeiters Valmieras piens AS berichteten von ihren Erfahrungen mit der Verbundausbildung, also der Zusammenarbeit mit zwei weiteren Unternehmen. Welche Vorteile hat eine solche Kooperation?

Der Vorteil einer Verbundausbildung ist, dass sich kleine und mittelständische Unternehmen zusammenschließen und Kräfte bündeln können, um Auszubildenden alle in der Ausbildungsordnung vorgesehenen Fertigkeiten und Kenntnisse zu vermitteln. In Valmiera haben wir ein absolutes Novum, da hier drei vorbildliche Ausbildungsunternehmen untereinander und auch mit der Berufsschule kooperieren. Sie stimmen die Ausbildungsinhalte eng ab und ermöglichen 19 Jugendlichen eine fundierte Qualifizierung. Dadurch haben Jugendliche berufliche Perspektive nicht nur in der Branche, sondern auch in den Unternehmen.

Trainer und Auszubildende in Valmiera

Trainer und Auszubildende in Valmiera, Foto: Foto: AHK Baltische Staaten

 

LP: In Riga kooperiert die Speditionsfirma Kuehne+Nagel mit der dortigen Berufsschule. Ist die duale Berufsausbildung, wie sie in Deutschland Praxis ist, das Vorbild?

Das Pilotprojekt für den Beruf „Speditionsmitarbeiter“ wurde im Rahmen des VETnet-Projektes gestartet und durch deutsche Expertise begleitet. Die AHK initiierte die Ausarbeitung des Ausbildungsprogramms und begleitet die Durchführung. Besonderes Augenmerk wird hierbei darauf gelegt, von deutschen Erfahrungen zu profitieren und gleichzeitig die Besonderheiten und Rahmenbedingungen vor Ort zu berücksichtigen.

LP: Sie sprechen hier von deutscher Erfahrung. Wie bilden Sie als AHK die Brücke zwischen Lettland und Deutschland in diesem Kontext?

Die AHK bietet eine Plattform für den Erfahrungsaustausch zwischen Unternehmen und Berufsschulen, wie auch Expertise zum Thema „Duale Ausbildung“. Bei der Veranstaltung im Dezember hat der Dortmunder IHK-Prüfer Hubert Abdinghoff beispielsweise seine Erfahrung geteilt. Er hat in seiner Person alle Stationen durchlaufen, die es bei der Umsetzung der betrieblichen Ausbildung gibt. Er war Ausbilder, Ausbildungskoordinator und ist ein langjähriger Prüfer im Kammerbereich Dortmund. Er berichtete den lettischen Ausbildern und Praktikumsleitern von der Organisation und Struktur der betrieblichen Ausbildung, die er im Unternehmen über mehrere Jahre umgesetzt hatte.

LP: Wie reagieren Lehrer lettischer Berufsschulen, wenn sie nun mit betrieblichen Ausbildern kooperieren sollen? Und wie reagieren hiesige Unternehmer, die nun Auszubildende qualifizieren sollen?

Die Kooperation zwischen Berufsschulen und Betrieben ist vom Prinzip her für die Berufsschulen und auch für die Betriebe nichts Neues. Allerdings ist es spürbar anders, wenn man so intensiv miteinander reden und die Verantwortung für die Qualifizierung teilen und gemeinsam tragen muss. Die Berufsschulen und auch Betriebe in Lettland sind häufig offen und bereit, gemeinsame Wege zu gehen. Beide Ausbildungspartner nähern sich aus gegebenem Anlass – dem Mangel an Fachkräften. Im deutschen dualen System ist der Betrieb ein Lernort, an dem die Auszubildenden in den Beruf hereinwachsen und der Betrieb sich seine künftigen Mitarbeiter ausbildet. In Lettland müssen die Berufsschulen lernen, die Betriebe als Lernorte zu sehen. Die Betriebe wiederum müssen erkennen, welche Vorteile die Investitionen in die für eigene Bedürfnisse ausgebildeten Mitarbeiter haben. Dazu gehört eben auch eine enge Zusammenarbeit mit der Berufsschule – um von einer praktischen, aber auch theoretischen Ausbildung zu profitieren.

LP: In Ihrer Pressemitteilung informieren Sie darüber, dass die Verordnung 484 des Ministerkabinetts „Verfahren der Organisation und Durchführung der praxisorientierten Ausbildung” in beiden Seminaren „intensive Diskussionen“ ausgelöst habe. Warum?

In Lettland starteten 2013 erste Pilotprojekte eines dualen Berufsbildungsansatzes („Work-based-Learning“), welche das Bildungsministerium Lettlands initiiert hatte. Die Pilotphase brachte erste Erkenntnisse, welche den Bedarf des Arbeitsmarktes verdeutlichten. 2015 wurde Work-based-Learning als eine Form der beruflichen Bildung in das Bildungsgesetz aufgenommen. Am 1. September 2016 trat die durch das Ministerkabinett geregelte Umsetzung und Organisation der praxisorientierten Ausbildung in Kraft. Im Hinblick auf die deutsche duale Ausbildung lassen sich in der gesetzlichen Regelung viele Elemente des dualen Systems erkennen, die die Qualität der betrieblichen Ausbildung sichern sollen. Das Grundprinzip der lettischen Verordnung bleibt aber „schoolbased“ – der Fokus liegt also weiterhin auf der Theorie. Die praktische Umsetzung der praxisorientierten Ausbildung ist noch nicht endgültig geklärt und befindet sich in einer Entwicklungsphase. Solche Entwicklungsprozesse bergen immer Diskussionspotenzial – was die Versammlung auf eine konstruktive Art gezeigt hat. Diskutiert werden Themen wie Eignung der Ausbilder und Vergütung der Auszubildenden.

Wir als AHK haben diesen Entwicklungsprozess von Anfang an begleitet – seit nun drei Jahren. Wir sehen uns als Berater und Vermittler, und werden die weitere Entwicklung auch in Zukunft begleiten. Wir sehen uns insbesondere für Betriebe als Ansprechpartner für die berufliche Ausbildung. Lettland kann nun die Weichen dafür stellen, sich auch in Zukunft gut ausgebildete Fachkräfte zu sichern.

 

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