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Münster, 20.9.2018
Lettland: Nominale Lohnsteigerungen um 8,4 Prozent PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Samstag, den 01. September 2018 um 00:00 Uhr

Aber westeuropäisches Lohnniveau ist noch weit entfernt

GewerkschaftsprotesteDie lettischen Löhne und Gehälter sind von Juni 2017 bis Juni 2018 deutlich gestiegen. Das ermittelten die Mitarbeiter des lettischen Zentralamts für Statistik, CSB. Durchschnittlich beträgt ein monatliches Brutto-Gehalt nun 1004 Euro für eine Vollzeitstelle, davon blieben netto 743 Euro. Das entspricht einem nominalen Brutto-Lohnzuwachs von 8,4 Prozent innerhalb eines Jahres (der reale Netto-Lohnzuwachs abzüglich Inflation betrug 7,4 Prozent). In der privaten Wirtschaft wurden 991 Euro, im öffentlichen Dienst 1035 Euro Brutto-Durchschnittslohn erreicht, in den gesondert aufgeführten vom Staat kontrollierten Kapitalgesellschaften 984 Euro (csb.gov.lv). Allerdings wird in den einzelnen Branchen und je nach Region recht unterschiedlich verdient. Experten sagen ein baldiges Ende des Lohnbooms voraus.

Proteste der Lehrergewerkschaft LIZDA gegen niedrige Löhne, Foto: LIZDA

 

Lettische monatliche Bruttodurchschnittslöhne ausgewählter Branchen

Ende Juni 2018 in Euro und Zuwachs in Prozent innerhalb eines Jahres (Quelle: CSB)

Finanzen und Versicherungen

2020

2,0%

Informatik und Kommunikation

1549

7,4%

Energieversorgung

1373

6,3%

Wasserversorgung, Abfallbeseitigung

1018

7,9%

Transport und Lagerhaltung

1008

8,1%

Durchschnitt aller Branchen

1004

8,4%

Gesundheit und soziale Pflege

978

15,2%

Land-, Forst- und Fischwirtschaft

968

10,9%

Bauwirtschaft

941

8,1%

Bildung

829

6,3%

Hotel- und Gaststättengewerbe

708

11,7%

Die Proteste der Ärzte, Pflegerinnen und Pfleger haben offenbar gewirkt. In ihrer Branche verzeichnet man die höchsten Lohnsteigerungen. Doch ihre Gehälter liegen immer noch unter dem Durchschnitt und können nicht mit dem konkurrieren, was medizinischem Personal in westeuropäischen Ländern gezahlt wird. Lettische Klinikleiter können viele Stellen für Krankenpflegerinnen und -pfleger nicht besetzen. Gewerkschafter der Gesundheitsbranche drängen auf weitere Lohnsteigerungen. Noch mäßiger verdienen Lehrer und Hochschullehrer. Vor dem Beginn des Schuljahres fehlen an den Schulen Rigas mehr als 350 Mitarbeiter: Lehrer, Hausmeister, Köche und sonstiges Personal (lsm.lv). Bei dem, was an lettischen Schulen und Hochschulen verdient wird, suchen sich Pädagogen und Fachkräfte lieber Arbeit in der Privatwirtschaft oder emigrieren ins Ausland.

 

Monatliche Bruttodurchschnittslöhne in unterschiedlichen Regionen

Ende Juni 2018 in Euro und Zuwachs in Prozent innerhalb eines Jahres (Quelle: CSB)

Riga

1128

8%

Lettland insgesamt

1004

8,4%

Umland von Riga

954

9,5%

Kurzeme (Kurland)

861

11,4%

Zemgale (Semgallen)

846

8,1%

Vidzeme (Livland)

801

8,5%

Latgale (Lettgallen)

701

9,4%

Das Gefälle zwischen Stadt und Land ist auch ein lettisches Problem. Die ostlettische Region Lettgallen ist die ärmste Region, in Riga und im Umland der Hauptstadt verdient man deutlich mehr.

 

Jährliche Inflationsrate ausgewählter Länder der Eurozone im Juli 2018 in Prozent, Eurostat-Daten

Jahresinflation

Agnese Buceniece, Volkswirtin der Swedbank, sieht im Fachkräftemangel den Hauptgrund für die Lohnzuwächse (lsm.lv). Zudem nennt sie den Beschluss der Regierung, den monatlichen Mindestlohn um 50 Euro anzuheben. Peteris Strautins, Ökonom der Luminor-Bank, sieht aber noch einen weiteren Grund für die statistischen Zuwächse: Firmen gingen dazu über, Schwarzarbeit vor dem Finanzamt zu deklarieren, somit wird die Statistik nur der Realität angepasst.

Doch insgesamt beobachtet auch Strautins rasche Lohnsteigerungen, die aber nicht mehr lange fortgesetzt werden könnten, wenn sie weiterhin den Produktivitätszuwachs übertreffen. Denn das bremse den Export und somit die gesamte Wirtschaft. "Es ist auch ein anderes Szenario möglich - nicht den Anstieg der Gehälter abzubremsen, sondern den Zuwachs der Arbeitsproduktivtät zu beschleunigen. Das wäre natürliche die ideale Variante. Doch das ist leichter gesagt als getan," meint Strautins und er prognostiziert unangenehme Entscheidungen in naher Zukunft.

Der erfreulichen Entwicklung sind also volkswirtschaftliche Grenzen gesetzt, denn für hohe nationale Produktivitätssteigerungen müsste viel Kapital investiert werden. Lohnerhöhungen oberhalb des Produktivitätszuwachses bedingen Inflation und gefährden auf Dauer die Wettbewerbsfähigkeit der lettischen Exportwirtschaft. Innerhalb der Eurozone kann die lettische Regierung auf zu hohe Preissteigerungen nicht mit Abwertung reagieren. Derzeit hält sich das Problem noch in Grenzen, doch dauerhaft können rasche Lohnsteigerungen zum volkswirtschaftlichen Problem werden, diese Erfahrungen machten die Letten schon einmal vor der Finanzkrise von 2009. Die Angleichung der Löhne an westeuropäisches Niveau kann die lettische Regierung nicht allein bewerkstelligen, sie ist eine gesamteuropäische Aufgabe, die u.a. die deutsche Export-Überschuss-Politik infrage stellt. Buceniece prognostiziert, dass ein lettisches Netto-Durchschnittsgehalt von 1000 Euro noch weit entfernt sei.

 

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