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Münster, 16.10.2019
Etwa 12 Prozent der lettischen Bevölkerung erwägen Emigration PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Samstag, den 16. Februar 2019 um 00:00 Uhr

Unterschiedliche Einkommensverhältnisse spalten weiterhin die EU-Länder

Protest gegen Armut an einem Müllcontainer

Jedes Jahr ermitteln Lettlands staatliche Statistiker die Einkommens- und Lebensumstände der Bevölkerung. Seit Anfang Februar erheben sie die Daten für das Vorjahr. 8000 Haushalte werden nach dem Zufallsprinzip zur Befragung ausgewählt, um die Zahlen für 2018 zu erfassen. In einer Presseerklärung fasste Lettlands Statisches Zentralamt (CSP) die Zahlen des Jahres 2017 zusammen: Im Vergleich zu 2016 stieg das Einkommen pro Haushalt durchschnittlich um 11,8 Prozent und erreichte 489 Euro brutto pro Einwohner. Erwartungsgemäß war 2017 das Durchschnittseinkommen in Riga am höchsten (592 Euro) und in der Region Lettgallen am geringsten (330 Euro). Armutsgefährdet waren 23,3 Prozent, 446.000 Einwohner, denn sie verfügten über weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens. Das größte Risiko zu verarmen und sozial ausgegrenzt zu werden tragen Familien mit mindestens drei Kindern, Erwerbslose und Rentner. 74 Prozent aller alleinstehenden Rentner waren 2017 arm oder armutsgefährdet. Auch wenn Lettlands Löhne steigen: Eine Annäherung an westeuropäisches Lohnniveau ist nicht erkennbar. Auf einer Konferenz zu Demographie und Migration nannte Demoskop Arnis Kaktins eine beachtliche Zahl: Seine Umfragen ergaben, dass seit fünf Jahren der Anteil jener Einwohner innerhalb der lettischen Bevölkerung, die zur Emigration bereit sind, unverändert bei zwölf Prozent liegt. Er prognostiziert, dass „die Emigration sich fortsetzen wird, die Menschen werden in den nächsten Jahren weiterhin in größerer Zahl wegfahren als in Lettland ankommen.“ (lsm.lv) Lettlands Bevölkerungssaldo ist chronisch negativ. Mehr Menschen sterben als geboren werden, mehr emigrieren als immigrieren. Ein Grund für die EU-Binnenmigration sind die ungleichen Einkommensverhältnisse, wie Eurostat-Statistiken zeigen.

"Wir gegen Armut" war auf dem Höhepunkt der Finanzkrise vor zehn Jahren auf einem Müllcontainer in Riga zu lesen, Foto: LP

Prozentualer Anteil der von Armut bedrohten Einwohner in ausgewählten EU-Ländern

Von Armut bedroht

Quelle: Eurostat

Auch wenn nach lettischer Statistik der Anteil der Armutsgefährdeten derzeit wieder etwas größer wird, so ist der Wert doch seit 2011, als Lettland mit 40,1 Prozent den Negativrekord hielt, bis 2017 merklich gesunken und betrug nach Eurostat-Angaben zuletzt 28,2 Prozent. Damit ist die mittlere Baltenrepublik ins untere Mittelfeld aufgestiegen. Die Anhebung des Mindestlohns hatte also Wirkung. Der Eurostat-Wert ist übrigens höher als der lettisch ermittelte (23,3 Prozent), weil in der EU-Statistik weitere Risikofaktoren hinzugezählt werden, z.B. ob Mitglieder eines Haushalts in der Lage sind, Rechnungen für Miete und Heizung zu bezahlen. Beachtlich ist, wie sich die Linien Griechenlands und Lettlands kreuzen. Tendenziell ist in reicheren EU-Ländern der prozentuale Anteil jener Einwohner geringer, die armutsgefährdet sind. In Italien ist die Tendenz allerdings ähnlich negativ wie in Griechenland. Italiener sind bereits – bezogen auf den jeweiligen nationalen Durchschnitt - armutsgefährdeter als Letten. Polen und Esten nähern sich den Entwicklungen in den wohlhabenderen Ländern an.

Jahres-Pro-Kopf-Brutto-Einkommen des ärmsten Fünftels der Bevölkerung in Euro

Jahreseinkommen, unterstes Fünftel

Quelle: Eurostat

Diese Statistik verdeutlicht, wie sehr die EU gespalten ist. Um die Unterschiede in der Einkommensverteilung zu ermitteln, teilen die Statistiker die Bevölkerung in fünf Fünftel (Quintile). Hier sind jeweils die Zahlen des Fünftels innerhalb eines Landes aufgeführt, das über das geringste Durchschnittseinkommen verfügt. In Lettland erhielt ein Einkommensbezieher des ärmsten Fünftels im Jahr 2009 durchschnittlich 2756 Euro jährlich. 2017 Jahr steigerte sich das nominale Einkommen auf 3744 Euro. (Die Kaufkraft ist nicht im gleichen Maß gestiegen, weil nominale Lohnsteigerungen nicht inflationsbereinigt sind.) Zu den ärmeren osteuropäischen Ländern, in denen auch die ärmsten Bürger der EU wohnen, hat sich nun Griechenland gesellt. Das stellt die sogenannte „Rettungspolitik“ der EU in Frage. Die von ihr eingeforderte Austeritätspolitik hat die Lage der ärmsten Griechen verschlimmert, in Estland hat das ärmste Fünftel bereits ein besseres Einkommen. Auch wenn in allen Ländern die Einkommen steigen: Eine merkliche Annäherung zwischen wohlhabenden und armen EU-Ländern ist nicht erkennbar.

 

Prozentualer Anteil des ärmsten Fünftels der Bevölkerung am nationalen Einkommen

Anteil ärmstes Quintil am Gesamteinkommen

Quelle: Eurostat

Diese Statistik zeigt die ungleiche Einkommensverteilung innerhalb eines Landes: In wohlhabenderen Ländern sind die Einkommen tendenziell weniger ungleich verteilt als in ärmeren. 2009 hatte in Österreich das ärmste Fünftel, also 20 Prozent, 8,8 Prozent des Gesamteinkommens, in Lettland hatte es im selben Jahr nur 5,8 Prozent, stieg aber bis 2017 auf 6,5 Prozent. Auch hier zeigt sich die prekäre Situation von Italien und Griechenland, Estland schneidet inzwischen besser ab.

 

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