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Münster, 16.10.2019
Lettland: Nicht mal jedes zweite Bier stammt noch aus einheimischer Produktion PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Donnerstag, den 05. September 2019 um 17:55 Uhr

Weniger Konsumenten, weniger Umsatz

Waldschloeßchen-EtikettAigars Rungis, Besitzer der Brauerei Valmiermuizas alus, wies jüngst in einem Artikel darauf hin, dass er und seine lettischen Kollegen nicht mal mehr die Hälfte des heimischen Biermarkts beliefern (db.lv). Inzwischen trinken hiesige Bierfreunde häufiger Importbiere, besonders aus den Nachbarländern Litauen und Estland, wo Großhersteller günstiger produzieren lassen. 2013 hatte der damalige Marktführer „Aldaris“ aus Riga beschlossen, die Massenherstellung ins Ausland zu verlagern. Die Brauer beklagen, dass der lettische Gesetzgeber sie gegenüber der Konkurrenz benachteilige.

Etikett der Brauerei Waldschlößchen, die später in Aldaris umbenannt wurde, Foto: Saite

 

Lettische Biertradition

Lettland ist ein Bierland. Zwar tranken Letten 2016 mit 74,3 Litern deutlich weniger (lv.wikipedia.org) als Deutsche (104,2 Liter), Österreicher (106), Namibier (108) oder Tschechen, die sich als unangefochtene Spitzenreiter ganze 143,3 Liter genehmigten, doch auch die hiesigen Freunde des goldenen Gerstensafts lobpreisen die heimische Braukunst. Historische Quellen bekunden, dass auf lettischem Gebiet seit dem 14. Jahrhundert Bier gebraut wird. In der Johannisnacht, dem bedeutendsten Fest der Balten, sorgt Bier für das erleichternde Gefühl der Befreiung, wenn man tanzend über das Feuer springt, um sich von den Sünden zu reinigen. Ein Bayer brachte die industrielle Massenproduktion nach Riga: 1865 gründete Joachim Dauder die Brauerei „Waldschlößchen“ in Sarkandaugava, die er ab 1905 als Aktiengesellschaft organisierte. In der Ulmanis-Zeit wurde sein Unternehmen nationalisiert und erhielt nach einer öffentlichen Umfrage den Namen „Aldaris“, was „Bierbrauer“ bedeutet. In sowjetischer Zeit wurde weiterhin Aldaris gebraut. In den 90er Jahren kam Lettlands größte Bierbrauerei in Privatbesitz und ist heute Teil der „Carlsberg group“.

 

Die Schrumpfung der Carlsberg-Tochter Aldaris

Die Entscheidung der Aldaris-Manager, ab 2014 die Massenproduktion in ausländische Carlsberg-Standorte zu verlagern, markierte den Wendepunkt für die lettische Bierbranche. In Sarkandaugava gründeten die Verantwortlichen in den alten Hallen ein Museum und sie investierten in die Produktion von Premium-Bieren, der einzigen Sparte der Bierbranche, die hierzulande noch Zuwächse verzeichnet. Lettische Bierexporte sanken rapide, die Importe steigern sich seitdem von Jahr zu Jahr. Dem lettischen Biermarkt macht die Emigration der Konsumenten zu schaffen. Der Absatz stagniert, obwohl der Pro-Kopf-Verbrauch leicht zulegt. So wie das heutige Wirtschaftssystem insgesamt auf Wachstum angewiesen ist, sind auch die Manager einzelner Branchen stets bemüht, die Produktion auszuweiten. Wo dies nicht gelingt, drohen schnell Schließungen und Personalabbau oder Übernahmen und Stilllegungen. Inzwischen hat die lettische „Cido group“, eine Tochter des dänischen Unternehmens „Royal Unibrew“, der bereits die lettischen Biermarken „Livu“ und „Lacplesis“ gehören, die Brauerei „Bauskas“ gekauft. Experten befürchten, dass auch dieses Bier nach einer gewissen Schamzeit in Litauen gebraut werden könnte (la.lv). Die Manager handeln gemäß der betriebswirtschaftlichen Logik folgerichtig: Massenproduktion, die billiges Bier feilbietet, lohnt sich nur dort, wo die Lohnstückkosten am geringsten sind, wo sich also mit Arbeitslöhnen und Investitionen in modernste Brauereianlagen am meisten und profitabelsten produzieren lässt. Da scheint Lettland gegenüber den baltischen Nachbarn in Rückstand zu geraten.

 

Kritik an zu hohen Biersteuern

Lettische Brauer beklagen überdies, vom eigenen Gesetzgeber benachteiligt zu werden (diena.lv). Am 26. Juni 2019 schrieben sie den Saeima-Abgeordneten einen offenen Brief und warnten vor den Folgen erhöhter Biersteuern, welche die heimische Bierbranche in den Zusammenbruch treibe. Im letzten Jahr erhöhten die Parlamentarier die Biersteuer um 50 Prozent, im März nochmals um 9 Prozent. Im nächsten Jahr ist eine weitere Erhöhung geplant. So gehe vor allem der Umsatz an der lettisch-estnischen Grenze zurück, wo Esten günstigeres lettisches Bier kauften. Die Brauer beziffern, dass bislang 15 Prozent des Umsatzes im nordlettischen Grenzgebiet erzielt wurden. Der Brief richtet sich nicht gegen Bier-Importeure, sondern gegen Konkurrenten, die Hochprozentiges herstellen.

Historisches Foto der Brauerei "Waldschlößchen" in Riga-Sarkandaugava, Foto:Saite

Hochprozentige Konkurrenz

Der lettische Gesetzgeber ist bestrebt, die Verbrauchssteuer für Bier derjenigen von Branntwein, Wodka, Likören und Schnäpsen anzunähern. Während die Biersteuer steigt, werde die Verbrauchssteuer auf hochprozentige alkoholische Getränke gesenkt, obwohl sie in Lettland schon geringer sei als in den Nachbarländern. Im Verhältnis zum Bier zahlten lettische Konsumenten für Hochprozentiges nur eine 2,4fach höhere Verbrauchssteuer, in Belgien betrage das Verhältnis das 6,2fache, in Deutschland sogar das 7,2fache. Damit werde der Käufer in den „entwickelten Ländern Westeuropas“ animiert, zu alkoholisch leichteren Getränkesorten zu greifen. Die Briefschreiber warnen vor den Folgen: „Seinerseits befindet sich Lettland unter den Ländern, wo in den Einkaufskörben der Verbraucher vor allem starke alkoholische Getränke zu finden sind. Wenn man diese Tendenz verstärkt, dass man nur für die starken alkoholischen Getränke die Steuern senkt, kann das schädliche Auswirkungen auf die Gesundheit der Bevölkerung haben.“ Bier als Methadon für den Hardcore-Trinker? Das wird strikte Alkoholgegner kaum überzeugen. Offenbar ist der lettische Gesetzgeber bemüht, den Alkoholkonsum prinzipiell zu reduzieren. Dazu zählt auch das Verbot, Billigbier in Zwei-Liter-PET-Flaschen anzubieten. Aigars Rungis beklagt zudem, dass es lettischen Brauern verboten ist, ihre Ware im Internet zu handeln. Während ein Bierliebhaber sich in Riga seine Lieblingsmarke aus Deutschland oder Belgien per Mausklick schicken lässt, kann ein Lette in Dublin über das Internet kein Bier aus seinem Heimatland bestellen.

 

Hohe Wertschöpfung

Rungis weist zudem auf die volkswirtschaftlichen Vorteile des Bieres hin: Mit der Verwandlung von Gerste in Bier erziele man eine enorme Wertschöpfung: Eine Tonne dieses Getreides habe einen Wert von 150 Euro, zu Bier verarbeitet betrage der Wert 9.000 Euro. Doch Lettland exportiere den Rohstoff Getreide lieber, importiere es als Bier. So gehen Steuern und Arbeitsplätze verloren. (Hohe Wertschöpfung ist die Grundlage des Wohlstandes. Entwicklungsländer leiden darunter, dass sie als Rohstoffexporteure ausgenutzt werden, der größte Teil der Wertschöpfung dabei woanders stattfindet. Joseph Hackett wirft der EU eine heuchlerische Politik vor, die vorgibt, mit Milliarden Hilfsgeldern eine humane Entwicklungspolitik zu betreiben, aber in Wirklichkeit die Menschen anderer Kontinente arm halte. Das wird z.B. am Umgang mit den Ländern deutlich, die Kaffee produzieren: Ihre ungerösteten Bohnen können sie zollfrei in die EU liefern, auf geröstete Ware wird dagegen an den EU-Grenzen ein Zoll von 7,5 Prozent fällig. So bleibt nur ein Bruchteil des Gewinns im Erzeugerland. Ziel sei es, Länder wie Ghana oder Äthiopien von der Weiterverarbeitung abzuhalten, um die lukrative Lebensmittelindustrie innerhalb der EU vor Konkurrenz zu schützen. „Tatsächlich verdiente Deutschland im Jahr 2014 mehr an Kaffeeexporten als ganz Afrika zusammen.“ misesde.org).

 

Chance für kleine Brauereien

Innerhalb des EU-Binnenmarktes gibt es zwar keine Zölle, aber unterschiedliche Entwicklungen der Lohnstückkosten und Inflationsraten sowie spezielle gesetzliche Vorschriften in einzelnen Mitgliedstaaten. Diese Rahmenbedingungen führen dazu, dass Massenhersteller sich aus Lettland verabschieden. Nach Aldaris ist nun „Cesu Alus“ neuer nationaler Marktführer. Der Absatz der großen Hersteller halbierte sich in wenigen Jahren, doch Lettlands kleine Brauereien, die steuerlich begünstigt werden, konnten ihre Produktion leicht erhöhen und ihren Anteil auf dem schrumpfenden Markt ausbauen. 47 Brauereien, die meisten von ihnen erst nach der lettischen Unabhängigkeit gegründet, folgen dem internationalen Trend, Bier in Kleinbetrieben herzustellen (db.lv). Selbst Zwergbrauereien erfordern mehrere hunderttausend Euro Investitionen und Banken zögern mit Kreditvergaben. Dennoch läuft das Geschäft: Die Hersteller regionaler Biere zielen auf den Genießer-Touristen, der Wert auf das besondere Trinkerlebnis legt und nicht so sehr auf den Preis achtet. Rungis` Brauerei Valmiermuiza profitiert selbst von dieser Entwicklung und er konnte seinen Anteil an der lettischen Bierproduktion erheblich steigern (labsalus.lv). Derweil tarnen die Massenhersteller die Herkunft ihrer Produkte mit lettischen Symbolen und Namen. Bei manchen Marken bleibt unklar, wo sie gebraut werden. Man muss auf dem Etikett das kleingedruckte „razots...“ (hergestellt in ...) entziffern, um das Herkunftsland zu ermitteln (la.lv).

 

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