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Münster, 15.11.2019
Lettland: Mehr Arbeitskräfte aus dem Ausland PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Mittwoch, den 16. Oktober 2019 um 00:00 Uhr

Soziale und materielle Ungleichheit verursacht Migration

Textilfabrik in BangladeschAuf rechtsradikalen Webseiten und in ebenso gesinnten Büchern kursieren angesichts grenzüberschreitender Flüchtlings- und Migrantenzüge sonderbare Mutmaßungen. Der "Bevölkerungsaustausch" gehöre zu den Zielen Angela Merkels, um Deutschland zu zerstören (z.B. kopp-verlag.de). Weshalb verlassen zahlreiche Menschen ihre Heimat? Um diese Frage zu beantworten, muss man nicht über angebliche Geheimpläne spekulieren. Die Migration ist neben Krieg, Verfolgung und Vertreibung (auch aus klimatischen Gründen) eine Folge der sozialen und materiellen Ungleichheit innerhalb und zwischen den Staaten dieses Planeten. Dafür sind durchaus die politischen und ökonomischen Machthaber verantwortlich. Der sogenannte "Bevölkerungsaustausch" ist aber nicht geplant, sondern eher ein Kollateralschaden ihrer Politik, genauer: ihrer Freihandelsideologie, bei der sowohl Investoren als auch Lohnabhängige die jeweils günstigsten Bedingungen suchen. Meistens setzen sich allerdings die Interessen der kapitalkräftigen Investoren zulasten der kapitallosen Lohnabhängigen durch. Ebenso fesche wie preiswerte Markenmode aus Bangladesch wird bekanntlich mit dürftigen Löhnen und riskanten Arbeitsbedingungen hergestellt. Wenn die Arbeiterinnen Bangladeschs höhere Löhne erkämpfen, werden sie durch Automatisierung und Rationalisierung "freigesetzt". Die Modebranche findet in Kambodscha und Vietnam neue Arbeitswillige, die noch schlechtere Bedingungen akzeptieren (suedkurier.de). Lettland als armes unter den reichen Ländern und reiches unter den armen wird zum Austauschgebiet, nicht der gesamten Bevölkerung, aber zwischen gesuchten Arbeitskräften.

Eine Textilfabrik in Bangladesch, Foto: Fahad Faisal - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, Link

Anfang September 2019 meldete lsm.lv, dass die Zahl jener, die wie einst in Deutschland in Lettland als „Gastarbeiter“ (Viesstradnieki) bezeichnet und registriert wurden, schon 9.738 Personen betrug. Der bisherige Immigrationsrekord von 13.303 Menschen von 2012 könnte am Ende des Jahres übertroffen werden. Allen voran fanden sich Ukrainer neu in Lettland ein, aber sogar aus Indien und den Philippinen reisten umworbene Arbeitskräfte an.

Herkunftsländer und Anzahl der neu registrierten Arbeitskräfte aus dem Ausland, 1. Halbjahr 2019

Gastarbeiter nach Herkunftsländern

Quelle: lsm.lv

Trotz der erhöhten Immigrantenzahl ist der lettische Migrationssaldo weiterhin negativ:

Lettischer Migrationssaldo zwischen 2006 und 2018

Lettischer Migrationssaldo

Quelle: csb.gov.lv

Die lettische Regierung beschränkt den Zugang zum eigenen Arbeitsmarkt. Damit Ukrainer oder andere Nicht-EU-Bürger legal eine Stelle antreten können, müssen folgende Voraussetzungen erfüllt sein: Der Arbeitsplatz muss einen Monat lang unbesetzt bleiben und die Bezahlung mindestens dem allgemeinen lettischen monatlichen Brutto-Durchschnittslohn des Vorjahres entsprechen (2018 waren das etwas über 1000 Euro, LP: hier).

Der Bezug zum Durchschnittslohn hat auch für lettische Lohnabhängige Vorteile: Um neue Arbeitskräfte aus dem In- und Ausland einzustellen sind die Firmen angehalten, die Löhne ihrer Beschäftigten auf Durchschnittsniveau anzuheben. Der durchschnittliche Monatslohn (der höher als der Medianlohn ist) erscheint attraktiv, die meisten Letten verdienen weniger. Doch in gewissen Branchen sind geringere Durchschnittslöhne erlaubt, weil in ihnen Geringverdiener arbeiten. So beträgt der entsprechende Lohn in der Landwirtschaft nur 700 Euro brutto und die Saisonarbeiter dürfen nur ein halbes Jahr lang beschäftigt werden.

Sozialministerin Ramona Petravica plant neben der Kürzung des Arbeitslosengeldes (LP: hier) auch in dieser Hinsicht eine Verschlechterung für Arbeiter und Angestellte: Zukünftig soll in allen Branchen nicht mehr der generelle, sondern nur noch der branchenspezifische Durchschnittslohn maßgeblich sein, um Arbeitssuchende aus dem Nicht-EU-Ausland zu beschäftigen (lsm.lv). Das dürfte den weiteren Anstieg des allgemeinen Durchschnittslohns hemmen.

Für manche Unternehmer ist der Mangel an Arbeitskräften zum Problem geworden, sie stehen bei der Abwerbung in Konkurrenz zu Polen und den baltischen Nachbarländern, wo die Hürden niedriger sind. Lkw-Fahrer, Köche, IT-Fachkräfte und Bauleute, insbesondere Betonfertiger sind gesucht, letztere, weil sie in Lettland nicht ausgebildet werden. Hinzu kommen Saisonkräfte für die Ernte.

Die weltwirtschaftlichen Bedingungen sind derart, dass sich lettische Lehrer als Erntehelfer in Irland besser stehen, während für ihre ukrainischen Kollegen an der Daugava das Beeren- und Obstsammeln lukrativer ist als eine Anstellung in der Heimat.

Monatliche Brutto-Durchschnittslöhne in Euro - in der Ukraine und in Lettland

Durchschnittslöhne Lettland-Ukraine

Quelle: lsm.lv, die Statistik ist ohne Jahresangabe, aber da der Bruttolohn in Lettland erst seit 2018 die 1000-Euro-Grenze übersteigt, müssen die Zahlen aus diesem Jahr stammen.

Beerenzüchter Aleksejs Fomicovs bereitet erwerbslos gewordenen Arbeiterinnen aus Bangladesch schöne Aussichten. Gemeinsam mit 60 Lettinnen und Letten arbeiten auf seinen Feldern bereits acht Gastarbeiter. Er findet keine Ukrainer mehr, weil sie in Tschechien oder Deutschland besser bezahlt werden. Er hält nach Arbeitswilligen in Usbekistan und Taschkent Ausschau, aber auch das reicht nicht; inzwischen denkt er an eine Chartermaschine, die Leute aus Südostasien holt. „Wir verhandeln schon das zweite Jahr darüber, denn allein können wir das nicht bewerkstelligen, denn in einem Flugzeug kommen etwa 200 bis 250 Arbeiter. Zumindest ist es notwendig, ein Flugzeug zu reservieren und hierher zu bringen. Wir schauen Richtung Bangladesch, Vietnam, Nepal. Für uns wird es ohne Gastarbeiter einfach schwierig, wir werden die Ernte nicht einbringen können.“ (lsm.lv)

 

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