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Münster, 25.5.2020
Lettischer Bahnchef Maris Kleinbergs will 1500 Stellen streichen PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Samstag, den 18. Januar 2020 um 00:00 Uhr

Abhängigkeit von russischen Kohletransporten gefährdet Arbeitsplätze bei Latvijas Dzelzcels

Qualmende Diesellok in RigaKleinbergs, seit August des letzten Jahres Vorstandsvorsitzender von Latvijas Dzelzcels (LD), das zu den fünf größten Aktiengesellschaften Lettlands zählt und sich vollständig in Staatsbesitz befindet, verkündete am 16. Januar 2020 den bevorstehenden Stellenabbau (ldz.lv). Bis zum Jahresende wollen die LD-Manager etwa 15 Prozent des Personals entlassen bzw. in den Ruhestand versetzen. Derzeit sind in der Gesellschaft LD und ihren Tochterunternehmen 9.950 Arbeiter und Angestellte beschäftigt. „Es ist nicht zu bestreiten, die Verringerung der Beschäftigtenzahl ist für jedes Unternehmen eine schmerzliche Entscheidung, aber ich bin überzeugt, dass wir diesen Schritt tun müssen, damit LD in diesem Jahr imstande ist, ihr finanzielles Gleichgewicht wiederzufinden und in Zukunft profitabel und konkurrenzfähig in der Region und auf dem internationalen Markt sein wird,“ begründete Kleinbergs den Vorstandsbeschluss. Hauptgrund für die Krise der lettischen Eisenbahn sind russische Transitunternehmen, die seit der Ukraine-Krise weniger Kohle über lettische Schienen zu den Häfen in Riga und Ventspils befördern.

Dieselqualm eines Güterzugs im Rigaer Wohnviertel Ķengarags, die lettische Eisenbahn scheint ziemlich investitionsbedürftig, Foto: LP

Anfang 2019 noch auf Wachstumskurs

Anfang des letzten Jahres sprach Kleinbergs` Amtsvorgänger Edvins Berzins noch von einer positiven Entwicklung für LD, die lediglich Frachtverkehr betreibt (Passagiere werden vom organisatorisch getrennten staatlichen Betrieb Pasazieru vilciens befördert. Beide Gesellschaften haben ihre Büros im Gebäude des Verkehrsministeriums). 2018 erzielte LD noch das beste Ergebnis seit drei Jahren (ldz.lv). Das Unternehmen hatte seinen Umsatz (209 Millionen Euro) im Vergleich zum Vorjahr um 16 Prozent gesteigert und mit 49,3 Millionen Tonnen 12,5 Prozent mehr Fracht transportiert. Berzins wies auf die Erhöhung der Produktivität, verstärkte Kooperation mit Geschäftspartnern und neue Frachtwege zwischen Asien und Westeuropa. China plant, die baltischen Länder an seine Neue Seidenstraße anzuschließen (LP: hier). Der Transitverkehr mit Weißrussland nahm deutlich zu und umfasste 27,1 Prozent aller Gütertransporte. Doch entscheidend für die Profite lettischer Eisenbahner und Hafenbetreiber sind die Geschäftsbeziehungen zu russischen Transitunternehmen, die fossile Brennstoffe über lettische Verkehrswege zur Ostsee befördern. Der Transitverkehr mit Russland umfasst Zweidrittel aller beförderten Güter. Kohletransporte aus Russland machen fast die Hälfte der Fracht aus, die über lettische Gleise rollt.

 

Erschütterungen“ durch weniger russische Kohlefracht

Dann brachte das letzte Jahr für LD zahlreiche „Erschütterungen“ mit sich, wie es Kleinbergs formulierte. Laut LD-Darstellung führten die merklichen Preisrückgänge bei der Steinkohle zu weniger Transporten in westliche Länder (obwohl Russland als drittgrößter Exporteur die Förderung des fossilen Klimakillers noch steigert, dlf.de).

Wichtiger als diese eigentümliche Erklärung dürfte ein Grund sein, den die LD-PR mit der „ökonomischen und politischen Situation der Region“ umschreibt. Gegenüber Journalisten des TV-Magazins Neka personiga hatte es LD-Verwaltungsdirektor Juris Iesalnieks am 2. Dezember 2019 deutlicher formuliert: „Besonders düster sind die Nachrichten zur Kohle, die bislang unser Retter war. Derzeit ist der Umfang der Kohlefracht derart gering, dass er niedriger als in den pessimistischsten Prognosen ausfällt, die vor einem halben Jahr angestellt wurden.“ (bnn.lv)

Nach der Ukraine-Krise von 2014 und den folgenden diplomatischen Streitigkeiten zwischen Russland und dem Westen, die zu wechselseitigen Sanktionen führten, sanken die Frachtraten russischer Transitunternehmen. Sie verringerten sich nochmals im Sommer 2019:  Kohle wurde um 15 Prozent, Erdöl um 19,1 Prozent weniger aus Russland zu den lettischen Häfen transportiert als in den Sommermonaten des Vorjahres. „Nach inoffiziellen Informationen haben die größten Frachtexporteure Russlands mit ihrer Regierung einen Plan vereinbart, wie sie die Frachtsendungen zu lettischen Häfen verringern. Die russische Regierung ist diesmal diese Angelegenheit sehr ernsthaft angegangen,“ erläuterte Iesalnieks (la.lv). Die russische Regierung plant, die Kohle vermehrt über die eigenen Ostseehäfen zu verladen.

 

Elektrifizierungsplan gefährdet

Der Umsatzeinbruch hat Folgen für die vorgesehene Elektrifizierung der Strecke Daugavpils-Riga. Bislang ist das Schienennetz nur in der Nähe Rigas elektrifiziert und E-Loks werden nur für den Passagierverkehr eingesetzt. Alte qualmende Dieselloks, die noch aus sowjetischer Zeit stammen, ziehen im Schleichtempo die Güterwaggons. Für die Elektrifizierung sind 318 Millionen Euro vorgesehen. Der größte Teil des Geldes soll der EU-Kohäsionsfonds bereitstellen, doch LD müsste den finanziellen Eigenanteil übernehmen. Nach den schwachen Geschäften fehlt nun Geld und die lettische Regierung scheint nicht bereit, den fehlenden Betrag auszugleichen. Nun steht das ganze Projekt zur Debatte. Der zuständigen Gewerkschaft machte Bahnchef Kleinbergs das Angebot, eine Arbeitsgruppe zu bilden, um die Stellenstreichungen möglichst schonend zu bewerkstelligen (tvnet.lv). Vielleicht beteiligen sich demnächst lettische Eisenbahner an der internationalen Arbeitsmigration: Die Deutsche Bahn AG beispielsweise hätte genügend Bedarf (zdf.de).

 

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