logo
Münster, 05.6.2020
Wie Corona die lettische Wirtschaft abbremst PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Donnerstag, den 23. April 2020 um 00:00 Uhr

Neue Emigrationswelle befürchtet

Rigas BalzamsDer Corona-Ausnahmezustand verursacht einen Exportrückgang von 20 bis 30 Prozent, verkündete Kaspars Rozkalns, Leiter der staatlichen Lettischen Investitions- und Entwicklungagentur (LIIA), in einer virtuellen Pressekonferenz vom 22. April 2020, an der sich auch der neue Wirtschaftsminister Janis Vitenbergs (KPV) beteiligte. Vitenbergs prognostiziert für dieses Jahr eine Rezession von minus acht Prozent. Besonders betroffen ist die Tourismusbranche, da Lettland ausländischen Touristen die Einreise verwehrt. Beide Vertreter der lettischen Wirtschaft betrachten staatliche Investitionen als möglichen Ausweg. Derweil plant Sozialministerin Ramona Petravica leichteren Zugang zum gerade beschlossenen Kurzarbeitergeld und einen Mindestsatz. Janis Hermanis, Finanzexperte des Lettischen Arbeitgeberverbandes (LDDK) zweifelt allerdings, ob Erwerbslose bei den geringen lettischen Sozialleistungen im Land bleiben werden und fürchtet eine neue Emigrationswelle, wenn die Grenzen wieder geöffnet werden.

Lettlands berühmteste Likörfabrik verkündete am Beginn der Corona-Krise, Desinfektionsmittel herzustellen, Foro: M.Strīķis, CC BY-SA 3.0, Saite

Rozkalns beschrieb, dass die Krise die Wirtschaftszweige unterschiedlich trifft. Kaum betroffen sind das Baugewerbe, die Pharmaindustrie und digitale Dienstleister. Härter bekommen Metaller die Auftragsrückgänge zu spüren: “In der Metallverarbeitung und im Maschinenbau leiden jene unter der Krise, die Komponenten für die Automobilindustrie herstellen, während andere Unternehmen der Branche weniger betroffen sind,” sagt der LIIA-Vorsitzende (diena.lv).

Den größten Umsatzabsturz erleben Hoteliers. Im März verzeichneten sie nur 64.000 Gäste, das ist ein Rückgang um 62,7 Prozent im Vergleich zum März des Vorjahres. Bei den ausländischen Gästen sind die Zahlen noch betrüblicher. Im März kamen nur 33.700 ausländische Touristen nach Lettland, 70,5 Prozent weniger als im Vorjahr. Deutsche Touristen lagen im März 2019 hinter Russen und den baltischen Nachbarn bei den ausländischen Hotelgästen an vierter Stelle. Damals verzeichneten die Hoteliers 11.500 Aufenthalte ihrer deutschen Kunden. Die Deutschen konnten im März dieses Jahres den vierten Platz mit nur 2.400 Aufenthalten behaupten (lsm.lv).

Sowohl Rozkalns als auch Vitenbergs schlagen staatliche Investitionen vor, um die lettische Wirtschaft vor dem Ruin zu bewahren. Das klingt danach, als ob die lettische Regierung inzwischen verstanden hat, dass staatliche Milliarden für eine Wirtschaft, die sich in der Rezession befindet, wichtiger sind als ausgeglichene Staatshaushalte und Maastricht-Kriterien. Vitenbergs denkt an Geld für den Straßenbau und für bessere Heizungsanlagen zur Steigerung der Energieeffizienz. Das seien zwei Bereiche, in denen man Defekte in Effekte verwandeln könne. Über mehr Energieeffizienz dürfte sich auch Vitenbergs` Kabinettskollege, Umweltminister Juris Puce (AP), freuen. Dieses Vorhaben entspricht seinen Vorstellungen, die Corona-Krise zu nutzen, um auf grünes Wachstum umzustellen (LP: hier).

Sozialministerin Petravica will dem Regierungskabinett am 23. April 2020 vorschlagen, beim Kurzarbeitergeld einen Mindestsatz von 130 Euro einzuführen, für zu versorgende Kinder jeweils 50 Euro zusätzlich (lsm.lv). Nun rächt sich Schwarzarbeit: Das lettische Kurzarbeitergeld wird vom Finanzamt nach den letzten steuerpflichtigen Gehältern berechnet. “Dennoch hat der Staat in dieser Ausnahmesituation beschlossen, effektiv zu handeln, um jedem zu helfen, der in Schwierigkeiten geraten ist,” meint die Ministerin. Die lettische Regierung sieht Kurzarbeitergeld für private Betriebe vor, die im Vergleich zum Vorjahr Einnahmeverluste von 20 bis 30 Prozent verzeichnen.

Der lettische Fiskus zahlt in solchen Fällen 75 Prozent der Gehälter, aber nicht mehr als monatlich 700 Euro pro Lohnabhängigen. Nach Angaben des Finanzamts haben bislang 17.605 Arbeiter und Angestellte aus 3.308 Betrieben Kurzarbeitergeld beansprucht. Dafür musste die Staatskasse etwa 4,5 Millionen Euro bereitstellen. Außerdem erhielten 1.047 Selbstständige Unterstützungszahlungen, dafür gab der Fiskus bislang 254.293 Euro aus. Durchschnittlich werden an einen Lohnabhängigen in einem Kurzarbeiterbetrieb monatlich 259 Euro ausgezahlt; 87 Prozent der Betroffenen, 14.488 Personen, erhalten damit weniger als den monatlichen Mindestlohn von 450 Euro. 302 Bezieher sollen sogar mit weniger als 20 Euro zurechtkommen. Das will Petravica ändern.

Mit solchen Beträgen fällt auch in Lettland das Überleben schwer. Janis Hermanis, Finanzexperte des Lettischen Arbeitgeberverbandes (LDDK), erinnerte sich in der virtuellen Pressekonferenz an die Situation von 2010: “Das ist vergleichbar mit der Krise vor zehn Jahren, als die Arbeitslosenzahlen stark anstiegen - sie vermochten sich nicht mehr in den Arbeitsmarkt zu integrieren und fuhren weg. Derzeit kann eine ähnliche Situation entstehen, deshalb ist es wichtig sicherzustellen, dass die Arbeitslosenzahl nicht zu rasch ansteigt.”

Er begrüßt das neu eingeführte Kurzarbeitergeld und weitere staatliche Unterstützungen, damit jene, die während der Krise ihre Arbeit verlieren, sie bei anziehender Konjunktur im selben Betrieb wieder aufnehmen können. Zudem fordert er, die lettische Exportindustrie zu erhalten, weil Exporte die wirtschaftliche Stabilität förderten. Im Gegensatz zu Deutschland ist Lettland als kleine (vor Corona offene) Volkswirtschaft aber kein problematisches Exportüberschussland. Die Handelsbilanz ist chronisch negativ, doch viele lettische Arbeitsplätze sind vom Export abhängig.

Dennoch fürchtet Hermanis, dass sich nach Öffnung der Grenzen wieder viele Letten Arbeit im westlichen Ausland suchen werden: In Lettland beträgt der durchschnittliche Brutto-Stundenlohn 9,90 Euro (der Medianlohn wäre noch deutlich niedriger), im westlichen EU-Ausland können Lohnabhängige 30 bis 40 Euro erzielen und sind sozial besser abgesichert. Dieses Grundproblem europäischer Ungleichheit bestand allerdings schon vor der Coronakrise, es zwingt Lettland wie andere osteuropäische EU-Mitglieder dazu, chronisch ein Auswanderungsland zu bleiben.

 

Keine aktuellen Veranstaltungen.


(C)2006-2011 Lettische Presseschau Impressum || Kontakt ||