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Münster, 04.8.2020
Lettische Airbaltic fliegt wieder PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Samstag, den 23. Mai 2020 um 09:32 Uhr

Airbaltic-Manager bleiben auf Wachstumskurs

Airbaltic-AirbusSeit dem 18. Mai fliegt die lettische Fluggesellschaft, deren Drehkreuz sich in Riga befindet, wieder die benachbarten Hauptstädte Tallinn und Vilnius an. Mit Genehmigung des Verkehrsministeriums planen die Airbaltic-Manager, ab dem 25. Mai auch wieder Flüge nach Westeuropa, u.a. nach Hamburg, Düsseldorf und Wien. Für Passagiere gelten allerdings zahlreiche Auflagen. Derzeit ist die Zukunft für die meisten Airbaltic-Beschäftigten ungewiss. Vorstandschef Martin Gauss beabsichtigt indessen, die staatliche Fluggesellschaft nach überstandener Corona-Krise zu vergrößern.

Airbus A220-300 (ehemals Bombardier) im Dienst der lettischen Fluggesellschaft Airbaltic, Foto: Kārlis Dambrāns from Latvia - airBaltic CS300 Bombardier YL-CSA, CC BY 2.0, Saite

Auf der Airbaltic-Webseite lassen sich wieder Flüge buchen. Neben Tallinn und Vilnius können Passagiere von Riga aus folgende Ziele erreichen (lsm.lv):

 

ab 25.05.20

Amsterdam

ab 01.06.20

Hamburg

ab 08.06.20

Wien

ab 09.06.20

Düsseldorf

Außerdem finden schon täglich “spezielle” Flüge nach Frankfurt und Oslo statt. Airbaltic will in Kürze auch Helsinki, München und Berlin ansteuern. Wer nun eine Buchung beabsichtigt, muss zahlreiche Corona-Bestimmungen beachten. Interessenten sollten sich bei den zuständigen Botschaften und Behörden erkundigen, ob für sie eine Einreise ins Zielland überhaupt gestattet ist (Dazu die Airbaltic-Seite “aktuelle Reiseinformationen” airbaltic.com). Wer fliegt, benötigt in diesen Zeiten triftige Gründe, z. B. die Rückkehr zum ständigen Wohnort oder ein genehmigter Arbeitsaufenthalt. In Lettland müssen sich Passagiere in der Regel in eine 14tägige Quarantäne begeben. Das Tragen von Schutzmasken ist für Fluggäste Pflicht. Vor dem Einstieg ins Flugzeug messen Stewardessen und Stewards die Körpertemperatur. Wer der angeblich grenzenlosen Freiheit über den Wolken zu sehr “entgegenfiebert”, hat also Pech gehabt. Vor voreiliger Buchung sei gewarnt: Laut LSM-Informationen lässt sich Airbaltic mit Rückerstattungen viel Zeit (lsm.lv).

 

Entlassen oder beurlaubt

Ende März verkündete der Airbaltic-Vorstand, dass er 700 seiner etwa 1.500 Angestellten entlassen wolle. Das Finanzministerium erklärte darauf, dass dem Flugpersonal der Gesellschaft, die sich mehrheitlich in Staatsbesitz befindet, kein Kurzarbeitergeld zustehe. Solche Zahlungen entsprächen nicht den EU-Bestimmungen (lsm.lv). (Laut EU-Informationen wird das kreditfinanzierte SURE-Programm für Kurzarbeit mit den nationalen Regierungen speziell ausgehandelt ec.europa.eu). Die lettische Regierung sieht für Airbaltic-Beschäftigte keine Ersatzzahlungen vor. Ministerpräsident Krisjanis Karins kündigte am 8. Mai an, 250 Millionen Euro in Airbaltic zu investieren, um den staatlichen Aktienanteil auf 91 Prozent zu erhöhen, doch um den Beschäftigten in ihrer existenziellen Not zu helfen, scheint kein Geld übrig (lsm.lv).

Die Betroffenen haben nun die Wahl, ob sie für unbestimmt lange Zeit unbezahlten Urlaub nehmen oder sich bei der lettischen Arbeitsagentur melden, um wenigstens für befristete Zeit Arbeitslosengeld zu beziehen. Besonders misslich ist die Situation für junge Piloten, die ihre teure Ausbildung mit Krediten finanzierten, deren Raten sie nun nicht mehr begleichen können. Dace Kavasa, Vertreterin der lettischen Flugverkehrsgewerkschaft, kritisiert das Airbaltic-Management, das einen einseitigen Beschluss gefasst und keine Alternativen erwogen habe. Sie misstraut dem mündlichen Versprechen des Vorstandsvorsitzenden Martin Gauss, nach einem Jahr die Entlassenen wieder einzustellen (lsm.lv).

Verkehrsminister Talis Linkaits solidarisiert sich mit dem Management: “Wir unterstützen alle Schritte im vollen Umfang, die die Leitung der Fluggesellschaft unternimmt, damit das Unternehmen `überwintert`”. Doch Linkaits glaubt im Gegensatz zu Gauss nicht daran, dass Airbaltic in naher Zukunft wieder so viel Personal benötigen wird wie vor der Krise: “Die Leitung der Fluggesellschaft hat schon zielorientiert einen Plan erarbeitet, wie man die Arbeit unter Umständen wieder aufnimmt, die nicht mehr die Zahl jener Beschäftigten erfordern, die gerade entlassen werden.” (lsm.lv) Das Airbaltic-Management hat beschlossen, die Krise zu nutzen, um die älteren Boeing- und Bombardier-Maschinen aus der Airbaltic-Flotte auszumustern. Die Gesamtzahl der Flugzeuge wird zunächst von 40 auf 22 verringert. Zukünftig soll die Airbaltic-Flotte nur noch aus neuen Airbus A220-300-Maschinen bestehen.

 

Kurs Expansion

Martin Gauss sieht im Überwintern nur ein Zwischenspiel, um danach voll durchzustarten: “Derzeit besteht in Europa keine Luftfahrt, von Fracht- und Repatriierungsflügen abgesehen, doch wenn das Wachstum zurückkehren wird, wünscht Airbaltic sein eigenes Wachstum fortzusetzen, wie es geplant war und wir werden wieder Menschen beschäftigen,” meint der gebürtige Pforzheimer, der auf der firmeneigenen Webseite die staatlich geförderten Wachstumspläne erläutert: “Unser neuer Geschäftsplan Destination 2025 CLEAN sieht für die nächsten Jahre eine verringerte Flotte vor und nimmt den Betrieb zunächst mit 22 Airbus A220-300-Maschinen wieder auf. Der neue Plan berücksichtigt für die Jahre 2020 und 2021 die reduzierte Kapazität, zugleich ist bis Ende 2023 die Rückkehr zum Wachstum mit 50 Airbus A220-300-Maschinen vorgesehen.” (airbaltic.com)

Bis 2025 soll die Zahl der Flugzeuge sogar auf 80 gesteigert werden, doppelt soviele wie vor der Krise. “Wir sind dabei, unser Geschäftsmodell zu überarbeiten, um besser als zuvor zurückzukommen. Unser Ziel ist es, unser Produkt zu modernisieren und umweltfreundlicher, sauberer und für Kunden leichter zugänglich zu gestalten,” versichert Gauss. Tatsächlich verbraucht das Modell A220-300, das Airbus vom angeschlagenen Bombardier-Konzern übernommen hat, deutlich weniger Treibstoff als Vorgängermodelle, es setzt laut Branchen-PR “neue Massstäbe im Bereich Wirtschaftlichkeit und Umweltverträglichkeit” (flugzeuge.hermannkeist.ch).

***

Dennoch ist zweifelhaft, ob noch mehr Kondensstreifen am Himmel dem ökologischen Allgemeinwohl dienlich sind und ebenso fraglich ist es, ob sich der Airbaltic-Plan mit dem Green Deal der EU-Kommission vereinbaren lässt (LP: hier). Denn Technik, die Treibstoff und CO² reduziert, fördert in Kombination mit Wachstumsplänen sogenannte “Rebound-Effekte”: Die weniger umweltbelastende und verbrauchsärmere Technik verleitet zur vermehrten Nutzung und zu noch höherem Gesamt-Verbrauch (umweltbundesamt.de). Sanierung und Ausbau der lettischen Eisenbahn und ein verstärktes politisches Engagement für den Bau der Schnellbahntrasse Railbaltica, die die baltischen Metropolen in einigen Jahren mit Warschau und Berlin verbinden soll, wären die ökologisch verträglicheren Alternativen. Bislang erweisen sich die Erklärungen der lettischen Regierung, sich an den klimapolitischen Zielen der EU zu orientieren, als Lippenbekenntnisse.

 
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