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Münster, 28.9.2020
Lidl Latvijas Baupläne verärgern die Anwohner PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Samstag, den 13. Juni 2020 um 00:00 Uhr

Nicht so einen “halbgaren Mist”

Lidl-Eröffnung in VilniusDer Autor dieser Zeilen erinnert sich noch an den ersten Supermarkt in den frühen siebziger Jahren, der den Tante-Emma-Laden seines Viertels in die Pleite trieb: Der Selbstbedienungsladen fand noch im Parterre eines Mehrfamilienhauses Platz, seine Einkaufswagen glichen aus heutiger Sicht Kinderspielzeug. Autofahrer mussten sich mit einem Dutzend Stellflächen auf dem Hinterhof begnügen. Heutzutage benötigen profitable Lebensmittel-Discounter andere Dimensionen: Die Einkaufswagen haben inzwischen ein Fassungsvermögen, das reicht, um Prepper mit Vorräten für die bevorstehende Apokalypse zu versorgen (zum Ärger jener, die hinter ihnen an der Kasse stehen). Und rund um die Einheitsarchitektur herum erstreckt sich das mit weißen rechteckigen Kästchen verzierte hektargroße Grau asphaltierter Stellflächen, auf dem Kunden die ergatterten Preisschlager in ihre SUVs oder sonstige Blech-Vehikel laden. Eine solche Architektur möchte Lidl Latvija auch in Lettland etablieren. Der deutsche Konzern plant, demnächst die ersten zehn Filialen zu eröffnen. Doch mancherorts stoßen seine Bebauungspläne auf den Widerstand der Anwohner: Sie wollen nicht, dass für Parkplätze Bäume gefällt werden und auch nicht, dass die Kalnciema Straße im Rigaer Viertel Agenskalns, die eine Reihe historisch wertvoller Holzhäuser und eine Allee aufweist, durch einen unförmigen Lidl-Quader verschandelt wird.

Lidl-Eröffnung im litauischen Vilnius 2016, Foto: Captcha-LT - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, Link

Ingars Rudzitis, ein Vertreter von Lidl Latvija, äußerte sich noch am 3. Juni 2020 über die Baupläne zuversichtlich: “Nach Anhörung der Spezialisten und der Anwohner von Agenskalns wurde die Grünfläche um den angrenzenden Supermarkt auf ein Maximum vergrößert und der geplante Parkplatz des Geschäfts verkleinert. In Absprache mit dem Rigaer Wohnungs- und Umweltdezernat prüft das Unternehmen Orte in Agenskalns, wo im großen Umfang Bäume gepflanzt werden könnten.” (lsm.lv)

Doch Lidls Zugeständnisse reichen den Agenskalnern nicht. Einer von ihnen ist der Architekt Peteris Blums, der sich an vielen Stätten Rigas für den Erhalt historischer Gebäude eingesetzt hat. Er lehnt den veränderten Plan weiterhin ab. Lidl möchte an der Kalnciema Straße 38 einen 30 mal 70 Meter großen Quader errichten. In dessen Parterre soll ein Parkplatz entstehen, auf der ersten Etage die Verkaufsfläche.

Einst produzierte die Firma Omega Fahrräder auf diesem Grundstück, dann kaufte es ein Spielhallenbetreiber und versprach, ein Kunstzentrum einzurichten; doch nun hat es der schwäbische Schwarz-Konzern erworben. Für die neue Filiale müsste die Stadt eine benachbarte Kreuzung umbauen und eine Ampelanlage installieren. Anwohner, die sich wie Blums in der Nachbarschaftsinitiative engagieren, beklagen die mangelnde Abstimmung mit der Bevölkerung; die beiden öffentlichen Anhörungen hätten sich nur auf die geplante Abholzung, nicht auf die Gestalt des Gebäudes bezogen. Die städtischen Bau- und Entwicklungsbehörden hätten hinter verschlossenen Türen entschieden, zunächst das Baumfällen verboten, dann doch gestattet. Zwar sollen nun weniger Bäume gefällt werden als ursprünglich vorgesehen, doch der Umfang der Parkfläche und die Konzern-Architektur erregen weiterhin Argwohn (lsm.lv).

Nun sind statt 180 “nur noch” 130 Autostellplätze geplant, 60 von ihnen lassen sich ins Gebäude integrieren, für die restlichen müsste die Umgebung planiert werden. Blums entgegnet, dass das Gesetz den Parkplatz für ein solches Geschäft auf 50 Stellflächen begrenze. Zudem sei die Kalnciema Straße, auf der man aus der Innenstadt kommend den Flughafen erreicht, eine NO²-belastete Zone, bei der die Stellplatzzahl noch weiter verringert werden könnte.

Der Architekt erinnert in einem eigenen publizierten Beitrag daran, dass dies der zweite Versuch des Konzerns sei, in Agenskalns zu “landen” (delfi.lv). Erstmals habe er es vor anderthalb Jahren an der Baldones Straße 7 versucht. Dort sammelten Anwohner Unterschriften gegen Lidl, um eine historische Tennisanlage zu retten, zu der der einstige deutschbaltische Stolz, das Vereinshaus des Architekten Leopold Riemer aus dem Jahr 1910 gehört. (lsm.lv) Der Bürgerprotest hatte Erfolg, nun startet Lidl an der Kalnciema Straße einen neuen Landeversuch. Blums betont, dass noch nichts entschieden sei.

In der Nähe des Bauvorhabens befinden sich etwa zwei Dutzend historische Holzhäuser, die die Stadt, veranlasst durch eine Bürgerinitiative, bis 2006 sanieren ließ, um den Politikern und Militärs, die sich auf der Durchfahrt zum Rigaer Nato-Gipfel befanden, ansprechende Fassaden zu präsentieren. Blums fordert, dass ein Neubau der architektonischen Qualität der Umgebung entsprechen müsse. Nach einem solchen “Kuckucksei” wie dem derzeitigen Lidl-Projekt könnten weitere Investoren kommen, die ähnlichen “halbgaren Mist” anböten. “Und dann, wenn man einem von ihnen erzählt: `Nein, das wollen wir nicht,` kann er antworten: `Ach, weshalb habt ihr denen das erlaubt? Das ist doch auch halbgarer Mist.`”

Die historische Bedeutung des Straßenzugs wertet Blums als einzigartig: ”Es gibt keine anderen Straßen in Lettland wie dieser Abschnitt der Kalnciema Straße. Sie wurde auf Initiative der Agenskalner vor einem Jahrzehnt zum Kulturdenkmal erhoben, das die staatliche Inspektion zum Schutz kultureller Denkmäler in ihre Obhut nahm. Das, was wir jetzt wünschen, ist keineswegs, dass man uns in Befehlsform irgendeine Standardlösung eines Logos anbietet, bei dem nichts anderes in Frage kommt.”

Blums betont, dass seine Initiative nichts gegen eine Präsenz Lidls in Agenskalns habe, doch er fordert die gleichberechtigte demokratische Mitbestimmung der Bürger. Unter Punkt vier der Forderungen seiner Initiative heißt es: “Wir bestehen darauf, dass auf Lidl als Bauherrn die Vorschriften genauso angewendet werden, wie sie die bestehenden gesetzlichen Standards für Umweltqualität und Verkehrsintensität vorsehen. Die derzeitigen Bedingungen, die nicht ideal sind, sollen nicht weiter verschlechtert, sondern verbessert werden.” (delfi.lv)

Die lettischen Lidl-Manager haben auch mit anderen Bauvorhaben Ärger. Die Anwohner im Rigaer Viertel Purvciems klagen ebenfalls, dass für einen Parkplatz Bäume weichen sollen und fürchten zudem um die Verkehrssicherheit an der viel befahrenen Dzelzavas Straße (lsm.lv). Ein anderes Lidl-Gelände in Sarkandaugava ist mit sowjetischen Altlasten verseucht (LP: hier). In Rezekne protestieren die Bürger, weil für eine Lidl-Filiale ein historisches Gebäude abgerissen werden soll (lsm.lv).

Lidl Latvija fordert mit nicht abgestimmten Plänen den Widerstand der lettischen Zivilgesellschaft heraus, die demokratische Teilhabe an Konzernprojekten einfordert. Die großräumige Versiegelung städtischer Flächen mit Asphalt, um Autos zu parken, und eine Architektur mit dem Charme eines Gewerbegebiets erscheinen wenig zukunftsweisend. Blums resumiert: “Ein solches Vorhaben dringt in unseren Lebensraum vor, nicht umgekehrt. Da wäre es logisch, so etwas zu besprechen.”

 

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