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Münster, 15.11.2018
Lettische Erwerbslosenquote im Dezember: 22,8 % - Ökonomen rechnen mit weiteren Abwanderungen PDF Druckbutton anzeigen? E-Mail
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Samstag, den 30. Januar 2010 um 20:35 Uhr
Die VEF-Fassade mit blitzeschleuderndem ZeusDie Eurostat-Statistiker veröffentlichten am 29.1.09 ihre Zahlen zu den Erwerbslosen-Quoten der EU-Mitgliedsländer. Sie berechneten für den Dezember 2009, dass die Letten weiterhin mit der höchsten Quote aller 27 EU-Staaten leben müssen. Im fünften Monat in Folge hat Lettland diesen traurigen Spitzenplatz inne. Die Quote für Deutschland betrug 7,5 Prozent. Die niedrigste Prozentzahl verzeichneten die Niederländer (4) und die Österreicher (5,4). Der EU-Durchschnitt lag bei 9,6 Prozent. Diese Statistik ist `saisonbereinigt`, das heißt, dass Schwankungen, die jahreszeitlich bedingte Arbeitslosigkeit verursachen, herausgerechnet wurden. Die EU-Statistiker ermittelten zudem ein besonders erschreckendes Detail für das vierte Quartal des letzten Jahres: 44,5 Prozent der spanischen Jugendlichen und jungen Erwachsenen waren in diesem Zeitraum erwerbslos. Ihren lettischen Altersgenossen erging es mit 43,8 Prozent kaum besser. Das Webportal Delfi.lv publizierte am selben Tag eine Diskussion zwischen Wirtschaftsexperten. Sie wurden gefragt, wie sie die weitere Entwicklung des Arbeitsmarkts einschätzen. Sie erwarten unter anderem weitere Abwanderung. Dabei haben allein zwischen 2004 und 2006 hunderttausend Letten ihre Heimat verlassen.
Die historistische Fassade des ehemaligen staatlichen Elektrokonzerns VEF steht beispielhaft für die Deindustrialisierung Rigas. Den Großbetrieben blieb keine Zeit, sich auf die westlichen Märkte einzustellen. Foto: UB

 

Die Expertenrunde befürchtet, dass der Arbeitsmarkt sich auch in Zukunft ungünstig entwickeln werde. Die Erwerbslosigkeit könne andauern, zugleich ein Mangel an Fachkräften entstehen. Die Geburtenzahl fiel von 42.000 Kindern im Jahr 1987 auf durchschnittlich 19.000 in den Jahren 1996 bis 2000, ist seitdem aber wieder auf 24.000 angestiegen. Auch die lettische Gesellschaft altert. Die Hochschullehrer bemerken bereits die verringerte Nachfrage nach Studienplätzen. Trotzdem haben junge Letten derzeit kaum eine Chance, in ihrer Heimat einen Job zu bekommen. Der lettische Sparhaushalt hat auch den Arbeitsmarkt für hochqualifizierte Kräfte ruiniert. Inzwischen frustriert die hiesige Jobsuche sogar Medizin-Absolventen.

Noch kann also von Fachkräftemangel kaum die Rede sein. Diese Situation könne aber dann entstehen, wenn sich die Wirtschaft erholt habe und die Qualifizierten bis dahin ins Ausland abgewandert seien. Der Makroökonom der SEB Bank, Dainis Gašpuitis, warnt davor, dass in einem solchen Fall Arbeitgeber freie Stellen trotz hoher Erwerbslosigkeit nicht besetzen könnten. Dann würden sie um die verbliebenen Fachkräfte mit unverhältnismäßig hohen Gehältern konkurrieren, die den Produktivitätszuwachs übertreffen. Überhöhte Wachstumsraten und Inflation wären die Folgen. Die Wirtschaft würde abermals überhitzen, so wie es bereits vor der Krise zu beobachten war. Und der Ökonom der Lettischen Nationalbank, Oļegs Krasnopjorovs, sieht ein weiteres Problem: “Oft ist man der Ansicht, dass unter den derzeitigen Umständen die Möglichkeit zur Emigration den Zuwachs an Erwerbslosen verringert und damit auch die sozialen Spannungen. Doch unter der Voraussetzung, dass auch junge und hoch qualifizierte Menschen auswandern, befinden sich unter ihnen voraussichtlich potenzielle Arbeitgeber, welche ihre Geschäftsideen benutzen könnten, um nicht nur sich, sondern auch andere zu beschäftigen.”

Industrieruine in der Nähe von Purvciems

Fabrikruinen und -brachen bemerkt man mancherorts in der lettischen Hauptstadt. Foto: UB


Es ist eher unwahrscheinlich, dass gut qualifizierte junge Erwachsene, die im Ausland Familien gründen und dort ein hohes Einkommen erzielen, zurückkehren werden. Derzeit geben die lettischen Behörden keine Informationen über die aktuelle Auswandererquote preis. Laut Delfi.lv können die Beamten diese Zahlen nicht ermitteln. Die Institutionen wüssten nicht, ob sich die Arbeitnehmer noch im Lande befinden. Demnach schafft der liberalisierte europäische Arbeitsmarkt eine neue Unübersichtlichkeit, die verdächtig erscheint. Die Leiterin der zentralen staatlichen Statistikamts, Aina Žīgure, habe sogar mit der Regierung im letzten November besprochen, ob man die für 2011 vorgesehene Volkszählung annullieren solle. Niemand wisse wirklich, wer das Land verlassen habe. So entsteht der Eindruck, dass die Verantwortlichen eventuell heikle Zahlen nicht unbedingt ermitteln wollen.

Um dem Trend entgegenzuwirken, empfehlen die Ökonomen die bekannten Rezepte: Bildung, bessere Qualifikation, Investitionen in die Produktivität und in Technologien sowie effizientere staatliche Verwaltung. Krasnopjorovs erläutert weiter: “Die Entwicklung der Nationalökonomie kann auf eine der folgenden Faktoren basieren – Arbeitskräfte, Kapital oder Humankapital. Die geringer werdende Zahl an Arbeitskräften bedeutet lediglich, dass wir die Entwicklung der Wirtschaft nicht auf arbeitsintensive Branchen mit niedriger Produktivität stützen können, wie beispielsweise auf naturale Landwirtschaft oder Fischerei.” Lettland habe indessen alle Möglichkeiten, seine Mittel für Fertigungsbetriebe mit hoher Wertschöpfung, für eine biologischere Landwirtschaft und in der Wissenschaft zu verwenden. Die Experten sehen in ihrer Prognose keinen Bedarf für mögliche Zuwanderer: Gering Qualifizierte gebe es im eigenen Land genug und Hochqualifizierte bevorzugten die hohen Gehälter in den USA, Westeuropa oder Moskau.

Wahlplakat in der Nähe der VEF-Gebäude

Mit dem Motto "Arbeit zuerst" warb die "Tautas Partija/ Volkspartei" bei den Kommunal- und Europawahlen im letzten Frühjahr. Foto: UB


Krasnopjorovs sieht in Menschen mit geringer Qualifikation ein Problem für die wirtschaftliche Entwicklung: “Im letzten Jahr waren in Lettland im dritten Quartal 250.000 Menschen auf Arbeitssuche oder sie hatten die Hoffnung aufgegeben, einen Job zu finden. Und mehr als die Hälfte von ihnen hatte eine mittlere Qualifikation oder niedriger. Dabei würde die Immigration gering Qualifizierter nicht helfen, auf eine kapital- und humankapitalgestützte Ökonomie überzugehen.” Dadurch würde der Anstieg des Durchschnittseinkommens und damit der Zuwachs an Lebensqualität nur gehemmt. Zugleich glaubt der Ökonom, dass sich in Zukunft der Wert der Qualifikation auf Heller und Cent beziffern lassen müsse: “Im 21. Jahrhundert werden die Kennziffern der Ausbildungsqualität die wirtschaftliche Entwicklung beeinflussen.” Diese seien schwer zu messen, beispielsweise, in wie weit steigere die erworbene Ausbildung tatsächlich den Wert der Arbeitskraft im Produktionsprozess, in der Produktivität und in der Leistung.

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Ob USA, Deutschland oder Lettland - die Qualifikationsoffensive scheint sich zum letzten Gefecht der Vertreter herkömmlicher ökonomischer Konzepte zu entwickeln. Ausbildung muss sich in Euro und Cent rechnen lassen. Mit Humboldtschen Bildungsidealen hat das alles nicht mehr viel zu tun. Wissen wird mehr und mehr für die weltweite Konkurrenz zwischen Nationen und sozialen Gruppen instrumentalisiert. Dies wird wieder Gewinner und Verlierer produzieren. Ob die Letten zu den Gewinnern zählen werden, bleibt abzuwarten. Bereits jetzt finden lettische Hochschulabsolventen keine Arbeit im eigenen Land. Selbst Hochqualifizierte sind vor prekärer Beschäftigung nicht mehr sicher. Der geschmähten `mittelmäßig` qualifizierten Masse nützen Exzellenzinitiativen und Eliteuniversitäten, wie sie beispielsweise deutsche Politiker fordern, herzlich wenig. Schon beklagen sich auch lettische Hochschulvertreter über das schlechte Rating ihrer Institutionen. Eine humane und solidarische Arbeitsmarkt- und Bildungspolitik sieht wohl anders aus.

 

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Protest an lettischen Hochschulen

 

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Zuletzt aktualisiert am Dienstag, den 15. Oktober 2013 um 19:38 Uhr
 

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