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Münster, 24.4.2019
Eine Zugreise nach Riga – fast so spannend wie der Weltraumbahnhof Baikonur PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Freitag, den 02. März 2012 um 21:31 Uhr

Auf dem Bahnsteig im Hauptbahnhof RigaWer möglichst umweltschonend in die baltischen Staaten reisen will, wird mit langer Reisezeit und weiteren Strapazen bestraft. Eigentlich wäre die Eisenbahn das geeignete Transportmittel für solche Fernstrecken. Doch bislang gestaltet sich eine Schienenreise von Berlin bis Riga als Entschleunigungsübung mit ganz speziellem Service auf weißrussischer Seite. Zur Kaiserzeit war die baltische Region mit Dampfrössern schneller erreichbar. Lettland leistet sich eine sowjetische Museumsbahn als Massentransportmittel. Aber die baltischen Länder wollen den Anschluss an den Westen. Ihre Regierungen planen daher, mit EU-Hilfe die Rail Baltica zu bauen. Diese soll die Städte Tallinn, Riga und Kaunas mit Warschau und Berlin verbinden. Die Modernisierung des veralteten Bahnnetzes könnte auch die lettische Wirtschaft vorantreiben. Doch in letzter Zeit macht eher eine fragwürdige Ausschreibung Schlagzeilen.

Abfahrt auf dem Gelände des Hauptbahnhofs Riga, Foto: LP

 

Vilciens nāk”

Als ich Ende der 90er Jahre beschloss, Lettland meinen ersten Besuch abzustatten, wählte ich das Verkehrsmittel Eisenbahn. Schließlich hieß bereits das erste Kapitel meines Lettisch-Lehrbuchs „Stacijā”, d.h. „im Bahnhof“. „Vilciens nāk”, also „der Zug kommt“ lautete der erste Satz, den man in diesem Buch lernte. In diesem Dialog begrüßen Liene und Juris ihre deutschen Gäste Sabīne und Ralfs auf dem Rigaer Hauptbahnhof. Die Anreise mit dem Zug schien eine Selbstverständlichkeit, über die Abenteuer einer solchen schwieg sich das Lehrbuch aus. Dafür fehlten im ersten Kapitel die Vokabeln. Wörter wie „Spurbreite“ oder „Durchreisevisum“ gehören wohl auch kaum zum Grundwortschatz. Auf dem Bonner Hauptbahnhof erhielt ich statt Information eine Abfuhr. Mein Begehren, nach Riga zu reisen, wurde ähnlich empört zurückgewiesen, als hätte ich einen Abflug vom Weltraumbahnhof Baikonur im Sinn gehabt. Immerhin empfahl man mir einen Gang ins Reisebüro. Dort war man tatsächlich in der Lage, mir eine Fahrkarte Bonn-Riga auszustellen. An eine Direktverbindung war selbstverständlich nicht zu denken. Um nicht orientierungslos auf dem Warschauer Hauptbahnhof zu enden, wählte ich den Kurswagen Berlin/Lichtenberg-Vilnius. Die Reisebürofachkraft wies mich darauf hin, dass man dafür noch ein Durchreisevisum für Weißrussland benötigt.

Bahnhof Berlin-Lichtenberg

Das Tor zum Osten: Der Bahnhof Berlin-Lichtenberg, Foto: Andreas Steinhoff auf Wikimedia Commons


Durchreise mit Hindernissen

Damals befand sich die weißrussische Botschaft im Bonner Süden in der Nähe des Regierungsviertels. In diesem gehörte Alexander Lukaschenkos diplomatische Vertretung eher zu den unauffälligen Gebäuden. Im Keller der Villa befand sich die Visa-Behörde. Unter dem Bilde Lukaschenkos waltete dessen Diener in barschem deutschen Ton seines Amtes. Meine Frage, wann ich die verlangten 50 Mark, die er nicht bar akzeptierte, überweisen könne, erwies sich als naiv. Ich wurde aufgefordert, sofort die nächste Bank aufzusuchen und mit dem Einzahlungsbeleg gleich zurückzukommen. Mir schwante, dass ein Umstieg in Warschau wahrscheinlich weniger Mut bedurft hätte. Als ich das Gewünschte verrichtet hatte und wieder auf diplomatischem Gelände erschien, ließ mich mein Gebieter, obwohl ich einziger Kunde war, erst einmal warten. Schließlich erhielt ich meinen bunten weißrussischen Aufkleber im Reisepass. Freunde empfahlen mir, viel Kaffee mitzunehmen, um eventuelle Grenzkonflikte zu befrieden. Den Koffer mit reichlich Kaffee beladen verabschiedete ich mich von meiner Bezugsgruppe und brach auf gen Osten. Der Bahnhof Berlin-Lichtenberg erwies sich am Abend als ziemlich düsterer Ort. Ich ärgerte mich über das nervende Dauergeklingel am Bahngleis, bis ich merkte, dass dies mein eigener, gerade gekaufter Wecker war. Weiter gen Osten wurde es noch dunkler. Schließlich kam der Zug und ich fand sogar den richtigen Kurswagen. Ein Abteil mit einem litauischen Pärchen, das in Deutschland studierte, nahm mich auf. Glücklicherweise benötigten die Litauer für Weißrussland kein Durchreisevisum, so wurde mir das Pärchen zum Beistand.

Karte Weißrussland

Von Polen aus führt eine Bahnstrecke über Hrodna nach Litauen, Karte: Wikimedia Commons


Ein düsterer Morgen in tundraartiger Landschaft

Durch Polen ging es zügig voran. Lärm kündete von Leben in den Nachbarabteilen, was mich bis Warschau in Sicherheit wog. Danach wurde der Kurswagen merklich leerer. An der letzten Station vor der weißrussischen Grenze blieben das litauische Pärchen und ich allein zurück. Es war ein düsterer Morgen in einer tundraartigen Landschaft. Eine solche mag Theaterbühnen als Vorlage dienen, um Samuel Becketts „Endspiel“ zu illustrieren. Dann hielten wir an einem Ort, wo rostige Geräte verstreut lagen. Ein mehrstündiges Hämmern begann. Die Räder wurden für die breitere sowjetische Spur gewechselt. Der Kurswagen wurde mit einer kleinen bunten Diesellok verbunden. Diese fuhr höchstens halb so schnell wie eine alte Dampflok, stieß aber doppelt so viel Qualm aus. Der Höhepunkt kam. Erstmals war ich in einem Land ohne politische Gewaltenteilung unterwegs. Schließlich stiegen vier weißrussische Zollbeamte zu und versuchten notorisch, mit mir in ihrer Sprache zu kommunizieren. Sie erforschten unser Gepäck minutiös, ließen aber meinen Kaffee in Ruhe. Dann forderten sie mich auf, ein kyrillisches Formular auszufüllen. Natürlich verstand ich nur Bahnhof. Die Litauer meinten: „Schreibe überall `njet` hin, sonst bekommst du Ärger.“ Ich schrieb überall „njet“ hin und bekam keinen Ärger. Obwohl die Fahrt über weißrussisches Gebiet gerade mal 50 Kilometer beträgt, benötigten wir fast einen ganzen Tag dafür. Offenbar erhielt unser Kurswagen nur dann freie Fahrt, wenn den weißrussischen Eisenbahnern kein Hinderungsgrund mehr einfiel. Auf dem Bahnhof von Hrodna warteten wir wieder stundenlang. Immer, wenn ich aus dem Fenster sehen wollte, kamen Frauen in Plastiksandalen näher. Sie wollten mir Flusskrebse verkaufen. Mir stand nicht der Sinn nach kulinarischen Experimenten und schaute nicht mehr aus dem Fenster. Abends erreichten wir die litauische Grenze. Die Reisegeschwindigkeit änderte sich nicht. Dann verbrachte ich einige Stunden auf dem Bahnhof von Vilnius, bis endlich der Zug nach Riga kam. Auch dieser pflegte ein eher gemütliches Tempo. Sonntagmorgens um fünf Uhr erreichte ich die lettische Hauptstadt und wagte zu diesem Zeitpunkt natürlich nicht, meine Gastgeber anzurufen. Damals war der Rigaer Bahnhof noch keine Shopping Mall mit Gleisanschluss. Er hatte noch richtigen sozialistischen Charme. In der einzigen Gaststätte, die zum Glück auch in der Nacht geöffnet hatte, genehmigte ich mir meine ersten lettischen Biere. Meine zukünftigen Reisen unternahm ich mit dem bequemeren Reisebus. Der benötigt nämlich gerade mal 30 Stunden von Düsseldorf bis an den Rigaer Meerbusen.

Bahnstrecke in Jurmala

Bahnstrecke in Jurmala, Foto: LP

 

Rail Baltica

Vermutlich hat sich an einer solchen Eisenbahnfahrt bis heute nicht viel geändert. Seit der Unabhängigkeit wurde in Lettland kaum in das Eisenbahnnetz investiert. Die lettische Bahn, eine staatliche Aktiengesellschaft, fährt immer noch mit sowjetischen Elektro- und Dieselzügen über ein marodes Schienennetz. Lettische Züge transportieren russisches Erdöl in die Hafenstadt Ventspils. Für Arbeitnehmer sind sie ein günstiges Transportmittel, um nach Riga zu pendeln. Am Wochenende nutzen Rigenser die Strecke nach Jurmala, um schnell an den Strand zu kommen. Aber eine Fernreise mit dem Zug erwägt kaum jemand. Die Billigflieger starten gleich vom Rigaer Flughafen. Aber die baltischen Staaten planen in mehreren Stufen und mit finanzieller Hilfe der EU eine Rail Baltica, damit das Bahnreisen endlich zu einer vernünftigen Alternative wird. In den kommenden Jahren könnten die baltischen Städte Tallinn, Riga und Kaunas mit einer Trasse in westeuropäischer Spurbreite mit Warschau und Berlin verbunden werden. Ein Büro hat, wie die Wochenzeitschrift Ir am 29.11.11 berichtete, mehrere Streckenführungen geprüft. Die Verbindung von der litauischen Grenze über Kaunas, Panevėžys und Riga bis ins estnische Pernau und zur Endstation Tallinn hat die meisten Vorteile. Sie ist mit 701 Kilometern über baltisches Territorium die kürzeste Verbindung. Bei einer mittleren Reisegeschwindigkeit von 170 Stundenkilometern bräuchte man vier Stunden und acht Minuten, um die baltischen Länder zu durchqueren. 235 Streckenkilometer würden über lettisches Gebiet führen. Die Letten müssten – voraussichtlich - 3,68 Milliarden Euro aufwenden. Aber ein Großteil der Kosten könnte mit EU-Mitteln bestritten werden. Die Planer sehen vor, dass ab 2024 Passagier- und Güterzüge über westeuropäisches Streckenmaß von Talinn bis Berlin rollen. Doch der Bau der Rail Baltica ist noch nicht endgültig beschlossen. Manche plädieren dafür, erst einmal die Strecke Riga-Moskau auszubauen.

Riga Busbahnhof

Der internationale Bushof in Riga, Foto: LP

 

Eine fragwürdige Ausschreibung für neue Züge

Immer noch reist man in Lettland auf ziemlich harten Zugbänken. Es gleicht schon einer kleinen alpinistischen Übung, vom niedrigen Bahnsteig aus über schmale eiserne Waggonstufen ins meterhohe Zuginnere zu gelangen. Daher beschlossen lettische Politiker, die lettische Bahn mit 34 neuen Elektro- und sieben neuen Dieselzügen auszustatten. Die Produzenten sollen sich verpflichten, für diese Fahrzeuge 30 Jahre lang Serviceleistungen zu erbringen. Eine Investition von 600 Millionen Euro ist dafür vorgesehen, eine der größten überhaupt in der jüngeren lettischen Geschichte. Die Ir-Journalistin Anita Brauna recherchierte für die Ausgabe vom 1.2.12 diese Angelegenheit. Häufig sind Ausschreibungen für staatliche Aufträge hierzulande mit Eigentümlichkeiten verbunden. Auch in diesem Fall gibt es entsprechende Hinweise. Als das Ausschreibungskomitee im Frühjahr 2011 gebildet wurde, leitete noch ein Minister der Partei Zaļo un Zemnieku savienība, Union der Grünen und Bauern, ZZS, das Verkehrsministerium. Die ZZS gilt als Interessenvertreterin des Oligarchen aus Ventspils, Aivars Lembergs. Trotzdem kürte ZZS-Verkehrsminister Uldis Augulis keinen Parteifreund, sondern Nils Freivalds zum Chef des Unternehmens Pasažieru vilcienā, das den Auftrag vergab. Freivalds gehörte damals der oppositionellen Partei des Oligarchen Ainārs Šlesers an. Daher spekuliert Brauna über entsprechende Absprachen der Business-Politiker. Freivalds besetzte das Ausschreibungskomitee neu, Experten wurden durch Laien ersetzt, die Jury von neun auf vier Personen reduziert. Die Ausschreibungsbedingungen wurden so ausgelegt, dass von drei Firmen offenbar nur noch die spanische Firma Construcciones y Auxiliar de Ferrocarriles (CAF) die Kriterien erfüllte. Diese plant ein Joint Venture mit der Rīgas Vagonbūves rūpnīca (RVR), einer lettischen Waggonwerkstätte, die in den letzten Jahrzehnten nur Züge aus dem vorigen Jahrhundert erneuert hat. Der größere Teil der Produktion soll in Riga ausgeführt werden. Der Schweizer Mitkonkurrent Stadler klagt inzwischen gegen diese Ausschreibungspraxis. Brauna ermittelte weiter, dass diese Züge teurer seien als in anderen Ländern, zudem unbequemer als die alten sowjetischen Züge: Da CAF keine Konkurrenz mehr fürchtete, hätten die Konstrukteure keinen Wert auf hinreichend viele Sitzplätze gelegt. Zudem sei der Energieverbrauch der neuen Züge höher. Vertreter der RVR halten die internationalen Preise für nicht vergleichbar. Die Zahl der Sitzplätze werde nicht verringert. Es sei zudem unwahrscheinlich, dass heutige Dieselmotoren mehr Treibstoff benötigten als jene der alten Taigatrommler, deren Antrieb einst für sowjetische U-Boote konzipiert worden seien. Nichtsdestrotrotz sind Vertreter der jetzigen Regierungskoalition, die ohne Oligarchenpartei auskommt, nicht wirklich glücklich mit diesem Vertragsabschluss. Der jetzige parteilose Verkehrsminister Aivis Ronis gestand der Journalistin: „Falls sie mich als Menschen fragen, der einfach nur ein lettischer Bürger war, als diese Ausschreibung organisiert wurde, ob ich stolz darauf sein kann – Nein. Leider ist diese eine typische Tropenblüte aus den Jahren der Illusionen.“

 

Externer Linkhinweis:

ir.lv: Dzelzcels "Rail Baltica"

 

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