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Münster, 17.8.2018
Lettischer Stahlproduzent Liepājas Metalurgs in Zahlungsschwierigkeiten PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Samstag, den 03. August 2013 um 00:00 Uhr

Baustelle mit MoniereisenWer mit dem Auto von Riga aus die westlettische Stadt Liepāja erreicht, überquert Gleise, auf denen häufig Güterwaggons rollen. Dann führt eine vierspurige Trasse vorbei am Werksgelände des größten baltischen Stahlwerks ins städtische Zentrum bis zum Hafen an der Ostsee. Metalurgs Liepāja (ML) macht die 83.000-Einwohner-Stadt zu einem der wenigen verbliebenen Industriezentren des Landes. Ein Einwanderer, der aus dem westfälischen Schalke stammte, erkannte die günstige Verkehrsanbindung der Hafenstadt und errichtete hier 1883 die erste Werkshalle. Er entwickelte sein Unternehmen zu einem der größten Stahlproduzenten des russischen Imperiums, der zwei Weltkriege, Verstaatlichung und die Umstellung vom Staats- zum Privatbetrieb überstand. Doch seit Anfang des Jahres 2013 ist Metalurgs mit schlechten Nachrichten in den Schlagzeilen. Die Stahlkocher sind zahlungsunfähig. Die Arbeiter, die aus dem Rohstoff Schrott neuen Stahl schmelzen, sind seit Mai beschäftigungslos. Die Webseite von Metalurgs weist auf die schwierige Situation auf dem Weltmarkt hin - gleichzeitig journalistische Berichte zurück, die Streit und Fehler der Geschäftsleitung als Grund nennen. Allerdings ermittelte Ir-Journalistin Anita Brauna ein Geflecht von internen Konflikten und Versäumnissen, die die wirtschaftliche Lage verschlimmerten und eine Rettung von Metalurgs erschweren. Wieder einmal stellt sich für die lettische Regierung die Frage, ob sie mit vielen Millionen des Steuerzahlers ein wichtiges privates Unternehmen vor der Insolvenz retten soll. Der Fall ist ein Lehrstück über die Schwierigkeiten eines kleinen osteuropäischen Landes, sich privates Kapital für notwendige Produktivitätsteigerungen zu beschaffen. Der Steuerzahler bürgt für die Misswirtschaft der privaten Kapitaleigner, die vor der Krise hohe Profite einstreichten.

Metalurgs stellt für Konstruktionen dieser Art den Stahl her, Foto: Argyriou auf Wikimedia Commons, Lizenz

 

Kaum Nachfrage nach Liepājas Moniereisen

Am 29.7.13 versammelten sich etwa 200 Arbeiter von Metalurgs vor dem Verwaltungsgebäude. Innen tagte die Aktionärsversammlung. Von den Kapitaleignern forderten sie eine Erklärung, wie es weitergeht. Seit drei Monaten ist ihr hochmoderner Hochofen stillgelegt, in welchem sie aus dem Rohstoff Schrott neuen Stahl herstellten. Derzeit sind sie weder beschäftigt noch wurde ihnen gekündigt. Sie erhalten ein monatliches Nichtarbeiter-Entgelt von 160 (227 Euro) bis 250 Lats. Die Demonstranten fordern von den Verantwortlichen Entscheidungen, denn bald werde das Geld nicht mehr reichen, wenn für die Kinder die Schule anfängt und die teure Heizsaison beginnt. Ihre Kollegen arbeiten noch in den Werkshallen, das Walzwerk rotiert noch. Insgesamt sind 2300 Menschen bei Metalurgs beschäftigt, ein Viertel der Belegschaft sind Frauen. Zur Ironie dieser Krisengeschichte gehört es, dass ausgerechnet der neue Schmelzofen stillsteht. Dieser ist der produktivste Teil des Unternehmens, für seine Anschaffung wurde ein Kredit aufgenommen, der nun in die Insolvenz führte. Die schwache Nachfrage auf dem Weltmarkt ist ein Problem für alle Stahlhersteller weltweit. China, dessen Wachstum nachlässt, exportiert seinen Stahl zu Dumpingpreisen. Metalurgs trifft es besonders. Die Letten produzieren Moniereisen für Stahlbeton. In Spanien und anderen europäischen Ländern kriselt die Bauindustrie. Anita Brauna berichtet, dass die lettischen Stahlkocher jüngst ihren Betonstahl nur noch mit Verlusten in Algerien absetzen konnten. Doch die Journalistin skizziert auch die bizarren Konflikte zwischen den Großaktionären und recherchierte das Handeln einer fragwürdigen Unternehmensführung.

 

Aktionärsgerangel um Besitz und Macht

Die Art, wie sich die jetzigen Mehrheitseigner in den Besitz der Aktien brachten, gleicht einer Räuberpistole. Anita Brauna sprach u.a. mit Kirovs Lipmans, der als ehemaliger Arbeiter von Metalurgs 1996 die Aktien des privatisierten Stahlwerks erwarb. Er habe damals bereits erfolgreich Geschäfte gemacht und das Aktienpaket über Mittlerfirmen in Singapur und Irland gekauft. Nach eigener Aussage beteiligte Lipmans zwei ehemalige Metalurgs-Kollegen an seinem Kapitalbesitz. Er wollte mit Sergejs Zaharjins einen fähigen Stellvertreter finden, der den Betrieb führt. Iļja Segals habe er nur auf Drängen von dessen Mutter beteiligt, weil ihr Sohn damals verarmt in den USA gelebt habe. Später habe er den beiden die Aktienmehrheit übertragen. Unter welchen Umständen dies geschah, ist nun Gegenstand von Gerichtsverhandlungen. Lipmans sieht sich um Besitz und Einfluss gebracht. Ähnlich merkwürdig erscheint die Einkaufsstrategie, die Brauna beschreibt. Metalurgs` Hauptrohstoff ist Schrott. Den hätten die Stahlwerker früher von der Firma Tolmets bezogen. Doch mit diesem Schrottlieferanten sei es zum Streit gekommen. Schließlich hätten die Händler ihren Rohstoff lieber ins Ausland exportiert als ihn weiter an Metalurgs zu verkaufen. Die ML-Führung behauptet, Lipmans habe mit den Tolmets-Besitzern kooperiert, um das Stahlwerk in den Ruin zu treiben. Die Stahlkocher besorgten sich den Schrott fortan von anderen Lieferanten zu überteuerten Preisen. Brauna vermutet, dass die neuen Geschäftspartner mit Zahlungsschwierigkeiten ihres Kunden rechneten und Verzugszinsen bereits einkalkulierten. Bei der Finanzierung des neuen Schmelzofens, der der modernste seiner Art sein soll, halfen die Kontakte zu örtlichen Politikern der wichtigsten konkurrierenden Parteien. Sowohl Politiker der damaligen Tautas Partija (TP)/ Volkspartei, eine Gründung des Oligarchen Andris Šķēle, als auch die Anti-Oligarchenpartei Jaunais Laiks (JL)/ Neue Zeit, Vorgänger der heutigen Regierungspatei Vienotība/ Einigkeit, standen den Metalurgs-Aktionären mit Subventionen und einer Bürgschaft beiseite. Eine der zahlreichen Šķēle-Firmen hatte in der zweiten Hälfte der Nuller-Jahre Metalurgs bei Rationalisierungplänen beraten. In der Ära des TP-Regierungschefs Aigars Kalvītis erhielt Liepājas Stahlfabrik einen subventionierten Anschluss an ein neues Hochspannungsnetz. 2009, zum Höhepunkt der Finanzkrise, stimmte JL-Finanzminister Einars Repše der staatlichen Bürgschaft von 60 Millionen Lats (85 Millionen Euro) zu, die Metalurgs bei der italienischen UniCredit aufnahm. Zaharjins hatte damals den Politikern mit dem Ende seines Unternehmens gedroht, wenn nicht in einen neuen Schmelzofen investiert werde. Zaharjins und Segals spendeten 2010 der neu gegründeten Oligarchenpartei Par labu Latviju! Für ein gutes Lettland! jeweils 14.000 Lats. Die Politiker verzichteten darauf, als Gegenleistung zur staatlichen Bürgschaft die Aktien der Kapitaleigner als Pfand einzufordern. Lipmans wendet ein, dass Metalurgs keine staatliche Bürgschaft benötigt habe. Das Unternehmen hätte die Modernisierung auch mit der Ausgabe neuer Aktien finanzieren können. Doch die anderen Aktionäre fürchteten um ihre Profite.

 

Der König der demokratischen Diktatur von Liepāja

Das Stahlwerk ist sportlich und kulturell in Liepāja präsent. Der Fußballverein, die Eishalle und eine Poliklinik tragen den Namen Metalurgs. Beobachter beschreiben die Machtverhältnisse entsprechend: Wenn die LM-Führung etwas von der Stadt wolle, dann beorderten sie die Kommunalpolitiker in ihre Chefetage. Zaharjins wird als „König“ der Stadt bezeichnet. Der LM-Großaktionär hält seine Art, das Unternehmen zu führen, für eine „demokratische Diktatur“. Seine Belegschaft muss ihm private Frondienste leisten. LM-Wachleute schützen seinen Privatbesitz, der LM-Chauffeur muss seine Bosse nach Dienstschluss zum Supermarkt fahren. LM-Brigaden pflegen die Blumenbeete ihrer Dienstherren. Brauna beziffert den Gewinn, den Zaharjins vor der Krise kassierte, auf etwa eine Million Lats jährlich. Seit 2010 kämen Zaharijins und Segals nur noch auf ein Monatseinkommen von 14.000 Lats (19900 Euro) - davon wagt der lettische Durchschnittsverdiener nicht einmal als Jahresgehalt zu träumen. Die Betriebsprüfer fanden keine schriftlichen Bestimmungen über das Salär, das den Chefs gezahlt wird. Die Journalistin berichtet, wie Zaharjins` Verwandte an der LM-Belegschaft mitverdienten: Die Arbeiter erhielten zeitweise einen Teil ihres Lohns in Gutscheinen ausgezahlt, die sie nur im Geschäft des Sohnes einlösen konnten. Die LM-Aktionäre sind stolz, als Arbeiter in dem Unternehmen begonnen zu haben, das sie nun besitzen. Brauna erachtet es als Problem, dass die LM-Eigner Sprösslinge der eigenen Werkshallen sind. In der Firma gehe es zu wie in den 80er Jahren, es fehle unternehmerische Kompetenz. Ein ausländischer Betriebsprüfer, der die Interessen der Gläubigergruppe vertritt, habe die Produktivität des Unternehmens als sehr gut bezeichnet, nur die Umweltbelastung müsse noch verringert werden, die Unternehmensführung und die Finanzverwaltung seien dagegen „katastrophal“.

 

Metalurgs wurde Opfer seiner Aktionäre

Regierungsvertreter, die mit den Aktionären verhandeln, berichten von mangelnder Kooperationsbereitschaft. Die Kapitaleigner ließen ein Ultimatum der Kreditgeber verstreichen, das sie aufforderte, ihre Anteile für einen Lats zu überlassen. Statt konstruktive Sanierungspläne zu entwickeln, mache die LM-Führung absurde Vorschläge. So forderte sie ein Gesetz, um Schrottexporte aus Lettland zu verbieten. Für Wirtschaftsminister Daniels Pavļuts stellt sich die Frage, was dem Fiskus günstiger kommt, die Pleite oder die Sanierung von Metalurgs. Die Schuldenlast des Unternehmens beträgt 125 Millionen Lats (178 Millionen Euro), neben der UniCredit gehören die schwedische SEB-Bank und die staatseigene Citadele-Bank zu den Gläubigern. Auch beim Stromkonzern Latvenergo und vielen Lieferanten ist LM verschuldet. Beamte des Wirtschaftsministeriums schätzen, dass eine Pleite dem Staat innerhalb von drei Jahren 230 Millionen Lats Verluste bescheren würde. Um das Unternehmen fortzuführen, hat die Regierung am 25.7.13 die verbliebenen Forderungen von 67.465.056 Euro an UniCredit überwiesen. Die italienischen Banker forderten wegen Vertragsverletzungen die sofortige Rückzahlung der Gesamtsumme. Die Gläubigergruppe ist einverstanden, dass sich der Fiskus an LM beteiligt. Der wird die Hauptlast weiterer Investitionen tragen. Metalurgs ist nicht das einzige lettische Unternehmen, in welchem das Gerangel der Kapitaleigner um Profite und Macht Arbeitsplätze gefährdet. Für die Schulden, die auf diese Weise angehäuft werden, haften die Steuerzahler. Kārlis Krastiņš, Chef der Firma Prudentia Advisers, die im Auftrag der Gläubiger LM prüft, gab der Wochenzeitschrift Ir am 1.8.13 ein Interview. Er hält Lettlands größtes Industrieunternehmen für produktiv und überlebensfähig, aber es sei ein Opfer der Macht- und Besitzgier seiner Aktionäre sowie einer unprofessionellen Unternehmensführung geworden.


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Externe Linkhinweise:

ir.lv: “Metalurgs” ir upuris akcionāru alkatībai

ir.lv: Tērauda ķīlnieki

tvnet.lv: «Liepājas metalurga» strādnieku mītiņš aizritējis mierīgā gaisotnē

ir.lv: "Liepājas metalurga" kredītu Itālijas bankai samaksā valsts

nra.lv: "Liepājas metalurgs" šodien apturējis tērauda kausēšanu

 

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