logo
Münster, 24.6.2017
Wirtschaftsboom mit Schattenseiten PDF Druckbutton anzeigen?
Samstag, den 28. Oktober 2006 um 14:18 Uhr
Die guten Meldungen immer zuerst. Lettlands Wirtschaftswachstum bricht nicht ab. Dies belegen die jüngsten Daten von Eurostat in Luxemburg, dem statistischen Amt der Europäischen Union. Das Amt veröffentlichte Anfang Oktober die Wirtschaftsdaten aller EU-Staaten (EU25) aus dem 2. Quartal 2006. Demnach verzeichnete das lettische  Bruttoinlandsprodukt (BIP) eine erneute Steigerung. Diesmal um 2,6 Prozent zum Vergleich des ersten Quartals 2006. Lettland belegt damit hinter Estland (+2,8 Prozent) und Slowenien(+2,8 Prozent) zusammen mit Malta den dritten Platz in der EU25. Für Deutschland stellte man eine BIP Steigerung von 0,9 Prozent fest. Das ist im wahrsten Sinne des Wortes durchschnittlich, da sich dieser Wert mit der durchschnittlichen BIP-Steigerung in der gesamten Eurozone (EU25 plus Beitrittsländer Rumänien und Bulgarien) deckt.
 
Eurostat

Das BIP gibt darauf Aufschluss, wie produktiv ein Land ist. Dabei addiert der Volkswirt alle für den Endverbrauch gefertigten Waren- und Dienstleistungen einer Volkswirtschaft unter Berücksichtigung des Marktpreises für eine ausgesuchte Periode zusammen. Gerade beim BIP gilt: wo zunächst wenig Produktivität vorherrscht, ist jede Steigerung signifikant. Das gilt vor allem für Lettland. So konnten die Balten seit dem Jahr 2000 ihr BIP um 50 Prozent erhöhen. Für diese Entwicklung soll laut einer Einschätzung von Phillip Heinz, dpa der wirtschaftsliberale Kurs der Mitte-Rechtsregierung, niedrigen Steuern und die geringe Staatsverschuldung verantwortlich sein; soweit die guten Nachrichten.

 

Die schlechten Nachrichten

Dieses Wirtschaftswunder geht am Gros der Bevölkerung vorbei, etwaige Gewinne wandern in die Taschen Weniger. Die Letten leiden unter der europaweit höchste Preissteigerung innerhalb der letzten 12 Monate. Die Konsumgüterpreise stiegen um 6,9 Prozent (Platz 2: Estland mit 4,9 Prozent). Das Lohnniveau hinkt dieser Preisspirale deutlich hinterher. Schon der „400,- Euro Durchschnittsverdiener“ hat Schwierigkeiten für seine Unterhaltskosten aufzukommen. Rentner und Arbeitslose trifft diese Entwicklung noch härter, da der lettische Staat kaum eine Centime für das Sozialwesen aufbringt. Ein zusätzliches Problem: ausländische Produkte verdrängen die eigenen Erzeugnisse in den Supermärkten. Freilich zu Preisen, die denen in Deutschland oder Frankreich entsprechen. Selbst das lettische Außenministerium monierte laut dpa kürzlich die eigene Sozialpolitik: “Die Politik muss mehr für diejenigen tun, für die die Autobahn des lettischen Aufschwunges noch nicht der Weg zum persönlichen Wohl gewesen ist.“

 

Torgauer Federbetten mit Abstammungsnachweis?

Mit Hilfe der Autobahn will auch das THW (Technische Hilfswerk) aus Torgau im November gesammelte Hilfsgüter nach Lettland bringen. Davon berichtete die Torgauer Zeitung am elften Oktober.  Im beschaulichen Torgau und Umgebung hatten die Bewohner Winterkleidung und Federbetten für Lettland gespendet. Der verantwortliche THW Zugführer, Alexander Burgkart sagt: "Vielen Letten fehlt es einfach am Nötigsten wie eben Federbetten und Wintermäntel, um den dort sehr kalten Winter zu überstehen.“

 

Vielen Letten fehlt es am Nötigsten, soweit richtig. Doch was auf den ersten Blick wie eine gut gemeinte Spende aussieht, entpuppt sich auf den zweiten Blick als Deutschtümelei. Handelt es sich doch um eine gemeinsame Aktion des Vereins ´Die deutschen Konservativen´. „Die Idee für die Hilfsaktion hatte der Vorsitzende des Vereins Joachim Siegerist. Da ich Joachim Siegerist persönlich gut kenne, haben wir uns für dessen Idee, deutschen Volksgenossen in Lettland sprichwörtlich unter die Arme zu greifen, begeistern lassen.“ so Burgkart in den Torgauer Nachrichten. Man beachte den Terminus „deutsche Volksgenossen“. Ist es denn schon wieder soweit? Die lettische Presseschau ließ sich jedenfalls gar nicht begeistern und empfiehlt daher den Lesern lieber eine Spende an das neue Regenbogenzentrum für missbrauchte Frauen und Kinder in Rugaji.

 

Für die, die keinen Unterschied machen: http://www.ccf-kinderhilfswerk.org/lettland.html

Nur zur Information: http://www.torgauerzeitung.com/NewsDetails.asp?ID=26137

 

-JvR-

 

(C)2006-2011 Lettische Presseschau Impressum || Kontakt ||