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Münster, 27.5.2018
Lettland: Arbeiter von Metalurgs Liepāja beklagen sich über neue Unternehmensführung PDF Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Samstag, den 15. August 2015 um 00:00 Uhr

Elektrohochofen in BetriebPietiek.com veröffentlichte am 3.8.2015 einen offenen Brief von "ehemaligen und noch beschäftigten Mitarbeitern" der KVV Liepājas Metalurgs. Dieses Stahlwerk, der größte Arbeitgeber Liepājas, steckt seit über zwei Jahren in Schwierigkeiten. Im Frühjahr 2013 berichteten die Medien von der Insolvenz, Metalurgs konnte seine Stromrechnungen nicht bezahlen. Der Staat hatte zuvor für einen Kredit gebürgt, den das Werk für einen neuen Schmelzofen benötigte. Im September des letzten Jahres verkaufte der Insolvenzverwalter das Unternehmen an die ukrainische KVV Group. Die neuen Eigentümer machten Hoffnung, dass die Produktion bald wieder beginnen werde. Doch erst im Mai 2015 wurde der Schmelzofen in Betrieb genommen. Schon nach wenigen Wochen wurde die Produktion wieder eingestellt. Die Betriebsleitung klagte über zu hohe lettische Schrottpreise. Altmetall ist das Rohmaterial des größten Betriebs von Liepāja, der vor allem Stahl für die Bauindustrie herstellt. Mitarbeiter, die längst woanders einen Job gefunden hatten und zurückgekehrt waren, wurden erneut entlassen. Im Brief wenden sich die ehemaligen oder noch Beschäftigten, deren Namen nicht bekannt sind, an Staatspräsident Raimonds Vējonis, Saeima-Vorsitzende Ināra Mūrniece, Ministerpräsidentin Laimdota Straujuma, an Ministerien und Fraktionen. Die Metallarbeiter bezeichnen die Übernahme durch die neuen Investoren als "fatalen Fehler", kritisieren zudem die Regierung und die Medien. Die Unternehmensleitung weist die Vorwürfe zurück.

Ein Elektro-Hochofen, Foto: „Fotothek df n-08 0000383“ von Deutsche Fotothek‎. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 de über Wikimedia Commons.

 

Comic für Jugendliche

Die Situation sei heute noch schrecklicher als zur Zeit der Insolvenz, behaupten die anonymen Briefschreiber. Damals habe es noch Hoffnung auf Besserung gegeben. Dann fand Metalurgs einen Käufer aus der Ukraine. Der lettische Geheimdienst habe den zweifelhaften Ruf der KVV Group nicht überprüft. So sei ein Werk mit einem der modernsten Schmelzöfen Europas in deren Besitz gelangt. Die "frisch gebackenen" Investoren hätten es nicht einmal für nötig befunden, vor dem Kauf ein Audit, also eine geschäftliche Bestandsaufnahme, durchzuführen. Der im Herbst 2014 auf einer Pressekonferenz vorgestellte "Business Plan" habe an einen "Comic für Jugendliche" erinnert. Nun wälzten die Besitzer die Schuld auf die Regierung ab, als ob sie falsche Informationen geliefert habe. Trotz aller Proteste sei dann am 6.7.2015 für viele Stahlwerker und hoch qualifizierte Spezialisten der letzte Arbeitstag gekommen. Dank ihres Wissens und Könnens sei 2011 der neue Hochofen in kurzer Zeit eingerichtet worden. Um diesen würden die Letten von der Konkurrenz im Osten wie im Westen beneidet. Die Autoren loben ihr Team als hoch qualifizierte Belegschaft mit langjähriger Erfahrung. "Die neuen `Investoren` haben dieses Kollektiv in kurzer Zeit faktisch zur Gänze zerstört. Noch ein paar Wochen und diese Fachkräfte werden die Stadt und Lettland verlassen, um in anderen Fabriken in anderen Ländern zu arbeiten. Es ist kein Geheimnis, dass solche Angebote bereits bestehen. Die Mehrheit der Belegschaft sieht keine Möglichkeit mehr, mit den einzelnen `Investoren` zusammenzuarbeiten und daher werden sie an ihren Arbeitsplatz nicht mehr zurückkehren."

Stahlschmelze

Foto: „Fotothek df n-08 0000312“ von Deutsche Fotothek‎. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 de über Wikimedia Commons.

Imitation von Produktion

Falls die Leitung weiterhin keine Finanzierung der neuen Stahlschmelze für den Winter vorsehe, werde diese einzigartige Anlage zerstört. Die verbliebenen Arbeiter hätten schon begonnen, die Energieversorgung für die Stahlproduktion zu drosseln, um Investorengeld einzusparen, denn die neue Leitung behaupte, dass ihr der Elektro-Hochofen riesige Verluste und einen Haufen Probleme einhandele. Die Produktion sei derzeit auf den "chaotischen" Betrieb einer Walzanlange reduziert, "präziser formuliert" sei es keine Produktion, sondern nur deren "Imitation". Geplante Erneuerungsarbeiten unterblieben, die Anlagen würden "bis zum Letzten" ausgebeutet, Sicherheitsanforderungen würden nicht beachtet. "Die derzeit am Arbeitsplatz Verbliebenen sind moralisch bereits durch das offen zur Schau gestellte rücksichtslose Verhalten der neuen Führung erschüttert, Gehälter wurden gekürzt, die Zahlung der Sozialabgaben erfolgte das letzte Mal im April, unbezahlter Urlaub, wechselnde Gehälter bestimmten die Praxis. Es ist sehr wahrscheinlich, dass nach ein paar Monaten, vielleicht nur Wochen, auch die letzte Werkshalle und ihre Beschäftigten das Schicksal der Stahlproduktion ereilen wird. Und in Kürze wird das Stahlwerk zerschnitten und dem Schrott zugeführt."

Menzel-Gemälde mit Eisenwalzwerk

Adolph Menzel malte ein Eisenwalzwerk zu Beginn der Industrialisierung, Foto: „Adolph Menzel - Eisenwalzwerk - Google Art Project“ von Adolph Menzel - pgFVPI1J1YGXZA at Google Cultural Institute. Lizenziert unter Gemeinfrei über Wikimedia Commons.

Was bedeutet "Staat"?

Die Schreiber beklagen sich auch über die Gleichgültigkeit der Regierung, die Metalurgs nicht genügend beaufsichtige, obwohl nach ihren Angaben der lettische Staat noch zu 80 Prozent Eigner sei. Auch andere Interessenten hätten sich um Metalurgs beworben, die ein hochwertiges Audit vorlegten, konkrete Vorschläge machten, doch die staatlichen Vertreter hätten diese unbegreiflicherweise von der Liste gestrichen - Vertreter, welche später als Entgelt für den Werksverkauf Millionen kassiert hätten. Zudem kritisieren die Schreiber Laimdota Straujumas Kommentar zur eventuellen Schließung Metalurgs`: Diese würde, so zitieren sie die Ministerpräsidentin, den Staat nicht schädigen. "Erklären Sie bitte, Frau Straujuma" so lautet die briefliche Aufforderung, "den Entlassenen und derzeit noch Beschäftigten bei Metalurgs und ihren Familien, was Sie in diesem konkreten Fall unter dem Begriff `Staat` verstehen!" Zudem bemängelt der Brief die Berichterstattung in den Medien, die über die Hintergründe nicht hinreichend aufgeklärt habe. Allerdings waren die anonymen Schreiber nicht bereit, dem Regionalfernsehen ein Interview zu geben. Inese Ozoliņa, Vertreterin der Unternehmensleitung, wies gegenüber lsm.lv am 4.8.2015 alle Vorwürfe zurück. "Diese entsprechen nicht der Wahrheit. Wir sind ehrliche Steuerzahler und verhalten uns gegenüber unseren Beschäftigten anständig. Der Vorwurf, dass der Hochofenbetrieb im Winter nicht aufrecht erhalten wird, entspricht ebenfalls nicht der Wahrheit. Dieser wird mit Personal gesichert, das ihn in Ordnung hält." Derzeit arbeiten noch zirka 600 Stahlwerker bei Metalurgs, im Walzwerk sind davon 290 beschäftigt. Anfang Mai wurde die Stahlproduktion mit 960 Beschäftigten wieder aufgenommen, das war nur die Hälfte jener, die hier vor der Insolvenz gearbeitet hatten.

 

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Externe Linkhinweise:

pietiek.com: "Metalurga" strādājošie: Straujumas kundze, ko jums nozīmē "valsts"?

lsm.lv: «KVV Liepājas metalurga» darbinieki lūdz risināt sarežģīto situāciju uzņēmumā

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