Russen akzeptieren die Öffnung des lettischen Gasmarkts Druckbutton anzeigen?
Geschrieben von: Udo Bongartz   
Samstag, den 12. Dezember 2015 um 14:52 Uhr

Wirtschaftsministerin Reizniece-Ozola nach Treffen mit Gazprom-Vertretern optimistisch

Wirtschaftsministerin Reizniece-OzolaAuch wenn es in Paris um „Dekarbonisierung“ ging – ohne Fossiles, insbesondere ohne Gas, könnten Letten derzeit nur mit Schüttelfrost, blauen Flecken und zahlreichen Kälteopfern überwintern. Gaskraftwerke erzeugen die Fernwärme für die großen Wohnblocks. Der Brennstoff dafür strömt aus Russland. Gazprom beliefert Lettland über eine separate Leitung. Der russische Energieriese hat eine große Macht über Lettlands Heizungen. Er ist auch am lettischen Versorger Latvijas Gāze mit 34 Prozent des Aktienkapitals beteiligt hinter Eon Ruhrgas mit 47,23 Prozent. Doch der deutsche Konzern will sich aus dem lettischen Markt zurückziehen. Letten sind wie andere Osteuropäer bestrebt, die einseitige Abhängigkeit von russischen Lieferungen zu verringern. Derzeit bereitet der Wirtschaftsausschuss für die Saeima eine Gesetzesnovelle vor, um den Gasmarkt des Landes ab dem 3.4.2017 zu öffnen. Die lettische Wirtschaftministerin Dana Reizniece-Ozola lud dazu am 11.12.2015 eine Gazprom-Delegation zum Gespräch. Die Russen zeigten sich im Prinzip einverstanden, nur über die verlangte Aufteilung von Latvijas Gāze bestehen noch Meinungsverschiedenheiten.

Foto: "Dana Reizniece-Ozola 2014" by Saeima - https://www.flickr.com/photos/saeima/14172796252/. Licensed under CC BY-SA 2.0 via Wikimedia Commons

 

Streit um Latvijas Gāze

Die Gazprom-Vertreter sicherten der Ministerin nach ihrem Treffen zu, dass ihr Unternehmen ungeachtet veränderter Marktbedingungen weiterhin in den baltischen Ländern tätig sein werde. Es sei eine gute Nachricht, dass die Russen mit den baltischen Ländern kooperieren möchten und daran interessiert seien, auch nach der Liberalisierung weiterhin Gas zu verkaufen, meinte die Ministerin. Noch vor einigen Tagen fürchtete sie, dass Gazprom viel unnachgiebiger reagieren würde. Jede Verschiebung des Termins hätte eine Verlängerung des Monopols bedeutet. „Und wir sehen, dass der Umstand, dass wir bis jetzt keine wirkliche Konkurrenz haben, zu höheren Preisen als anderswo in Europa und in den Nachbarstaaten geführt hat,“ sagte Reizniece-Ozola den Medien. In den letzten Jahren erschien US-Frackinggas als Alternative. Es könnte als Flüssiggas ins litauische Terminal von Klaipeda verfrachtet werden. Aber die derzeitig niedrigen Energiepreise machen diese umstrittene Fördertechnik unrentabel. Eine weitere Möglichkeit bietet der geplante Bau einer Gaspipeline, die über Polen die baltischen Länder an das westeuropäische Gasnetz anschließen soll. Dann könnten die Balten von günstigeren Preisen der Nachbarn profitieren und indirekt aus dem Westen das russische Gas beziehen. Weniger Eintracht erzielte Reizniece-Ozola in der Frage nach Neuorganisation des Energieversorgers Latvijas Gāze, dessen Aktien zu über einem Drittel im Besitz von Gazprom sind. Die EU fordert eine Trennung des Unternehmens zwischen Lieferanten und Versorgern. Um für alle potenziellen Lieferanten gleiche Wettbewerbsbedingungen zu ermöglichen, dürften sich die Russen nicht weiter am Betrieb des lettischen Gasnetzes beteiligen. Offenbar hoffen die Gazprom-Manager, dass ihnen gewogene Saeima-Abgeordnete eine entsprechende Aufteilung des lettischen Gasunternehmens verhindern. Chef von Latvijas Gāze ist übrigens der frühere Ministerpräsident Aigars Kalvītis, in dessen Amtszeit die lettische Wirtschaft vom überhitzten Wachstumsfieber in den Krisenmodus wechselte. Er sieht für sein Unternehmen eine rosige Zukunft voraus: Nach der Liberalisierung könne sein Unternehmen zum einflussreichsten Spieler auf dem baltischen Gasmarkt werden, berichtete lsm.lv.

 

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